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Studien über den Einfluss der Erdwärme auf die Ausführbarkeit von Hochgebirgstunneln / von F. M. Stapff
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73
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F, M. Stapff: Einfluss der Erd wärme bei Tunnelbauten, 73

Erster Abschnitt.

I. Temperaturgrad, bei welchem unterirdische Arbeitenunmöglich werden.

Beim Vergleich hoher Temperaturen, welche Menschen erfahrungs-gemäss ohne Nachtheil ertragen können, stösst man auf eine Mengescheinbarer Widersprüche theils zwischen den einzelnen Erfahrungen,theils zwischen diesen und physiologischen Nothwendigkeiten. DieseWidersprüche lösen sich aber, sobald man die verschiedenen Umständeberücksichtigt, unter welchen die beobachteten Erscheinungen statthaben.Es ist nicht nur der Temperaturgrad, welcher die Möglichkeit desAufenthaltes an einem gegebenen Ort bestimmt; gleichzeitig mit dem-selben kommt auch in Betracht: die Gewöhnung an diesen Temperatur-grad (Accommodation, Acclimatisation); die Zeitdauer, während wel-cher man ihm ausgesetzt ist; die Anstrengung, womit man in ihmarbeitet; die Beschaffenheit der Luft, in welcher man sich aufhält,und zwar besonders ihr Peuchtigkeitszustand.

Albuminlösung trübt sich bei 60° und coagulirt bei 75°; dadurch istbekanntlich dem Leben überhaupt hei steigender Temperatur eine Grenzegesetzt. Viel früher wird aus Gründen, die wir nicht genau kennen,das Leben der meisten Organismen, ins Besondere der Säugethiere unddes Menschen, unmöglich; die chemischen Processe, welche grossen theilsdas Leben ausmachen, können nur innerhalb gewisser Grenzen von stattengehen.

Dieser Satz wird auch nicht durch die schon im vorigen Jahrhun-dert gemachte Erfahrung umgestossen, dass Bäcker in einem Ofen einigeMinuten bei 130° verharrt seien. Aehnlich hohen Temperaturen setzensich wohl ganz vorübergehend auch die Arbeiter aus, welche nachbeendetem Brand Ziegel- oder Porzellanöfen austragen. Man wird aberdaraus ebensowenig schliessen wollen, dass die menschliche Organisationgeeignet ist in so hohen Temperaturgraden zu existiren, als man aus denThatsachen, dass in Skandinavien junges Volk durch die Mittsommer-feuer springt, oder dass asiatische Nomadenstämme ihr Vieh durch Peuertreiben, um es vor Seuchen zu schützen, auf die Feuerfestigkeit dieserLeute und Thiere schliessen wird. Zurückhalten des Athems, Ueberzugdes Körpers mit einer in der umgebenden trockenen Luft rasch ver-dunstenden Schweissschicht, ganz unzureichende Zeit für Mittheilung deräusseren Wärme an den (bekleideten) Körper, erklären diese und eineMenge ähnlicher Anomalien zur Genüge. Bekanntlich hat Boutignygezeigt, dass man ohne Gefahr am eigenen Körper sogar den Leiden-frostschen Versuch anstellen kann.