Band 
[Erster Band. - Zweiter Band.]
Seite
226
JPEG-Download
 

226

machen, Nachbarinnen zu verdunkeln, und die Scham scheint mehrKunst als Natur zu sein, weil sie einmal von Männern geschätzt wird,schicklicher ist und Weigerung nur desto mehr anzieht. Mit dieserWeigcrungstaktik kommen sie weiter, als wenn sie, wie zu Esra'sZeiten, sprechen wollten: „Siehe, ich bin deine Magd, mir geschehe,wie du willst!" Unsere Zeiten kennen im Boudoir rothe Vorhänge(grüne oder blaue machen gelblicht, und weiße lassen Alles, wie es ist),deren Widerschein der Leichtfertigkeit selbst den schönen Rosenschimincrüberwundener Tugend gibt.

Gewisse sublime Philosophen schrieben selbst den Thieren Scham-gefühl zu, weil sie Winkel suchen — was sie wohl thun, um nicht ge-stört zu werden. Mohamed lehrte, daß wir nackend auferstehen würden;seine Aischa rief: Pfui doch! und er beruhigte sie, daß man dortennicht mehr ausgelacht werde. Agrippa sieht in den länger», stärker»Haaren des Weibes Naturschutz der Schamhaftigkcit; noch mehr ließesich solcher bei dem eigentlichen Geschlechtsnnterschied annehmen, dahier offenbar die Natur schamhafter und heimlicher zu Werke gegangenist, beim Manne aber ernstlicher und vordringender, der bei gewissenVerrichtungen sogar der Hände sich bedienen muß, die das Weib da-bei entbehren kann. Plinius behauptet sogar, Weiber, die zu Wasserder Ewigkeit vorcilten, schwämmen auf dein Gesichte, Männer ganzschamlos auf dein Rücken. Recht verkehrt handeln die Maurinnen undalle Orientalinnen, die, das Gesicht verschleiert, über einen Flußohne Anstand waten, die Röcke über dem Kopse. Wahnsinnige liebenNacktheit über die Maßen, und Wildinncn gehen ganz in der LivrüeGottes und gerade da herrscht die meiste Natur. Immerhin, aberSchamhastigkeit bleibt immer der beste Schutzengel weiblicher undmännlicher Tugend; nur muß sie nicht so weit getrieben werden wiebei der schönen Maria von Burgund, die darüber starb, weil sie denChirurg nicht die Wurzel sehen lassen wollte, die sie sich bei einemFalle auf der Jagd in die delikateste Oeffnung gestoßen hatte, oder wiejenes Mädchen, der der Bader die Ader öffnen mußte durch den Strumpf.

Wir haben so viele Lehren über Schamhastigkeit, daß sich darüberschon Manche in Schamlosigkeit hineinphilosophirt hat, und in großenHauptstädten hat sich zu ihrer Ehre die Scham längst zu Tode ge-schämt, oder ist reine Affektation, wie bei Ludwig XIII., der dasBriefchen, das seine Geliebte Hautefort vor ihm im Busen verbarg,nicht mit der Hand, sondern mit der Feuerzange hervorholte. — Wennschon Eva mit ihrem Adam nicht zufrieden —