Band 
[Dritter Band. - Vierter Band.]
Seite
39
JPEG-Download
 

59

Man hat selbst an Thieren bemerkt, daß, wenn ein Männchenstärker und hitziger ist, als das Weibchen, männliche Geburten, umge-kehrt aber weibliche folgen. Der Sanguiniker geht auch bei demwichtigsten Akt leichtsinnig drein, während das Phlegma alle seineKraft beträchtlich zusammennimmt, die um so stärker ist, je wenigeroft er sie äußert, und liefert so oft bessere Waare- Am meisten thutdie Mutter, daher ich geneigter bin, an moralische Mnttcrmähler zuglauben, als an physische: zwar hat Papa den Keim zu verantworten,aber dann geht Alles auf Rechnung der Mama bis zur Wiege hineinund heraus. Die Beobachtung eines kleinen Jägers ist mir merk-würdig; geborene Hühnerhunde, behauptet er, seien weit leichter zudressiren, als Hunde, die erst zu Hühnerhunden dressirt werden sollen:könnte dies nicht auch von Menschen gelten, und der oft bezweifelteEdelmuth des Adels darinnen eine neue philosophische Stütze finden?

In doctrineller Hinsicht hat man gewisse bestimmte Temperamenteals Norm angenommen, die Alten vier, die Neuern bald nur zwei,das reizbare und reizlose, bald sünf, wie Haller, der daS böo-tisch dauerhafte hinzufügte, bald sechs, wie Feder, das hypo-chonder-hysterische, ja Plattner setzte gar dem Temperamente vierOber, und vier Unterbeamte vor: Attikcr, geistige, Lydier, thierische,Römer, heroische und Phrygier, kraftlose Oberbcamtc; seine Unter-beamte, Aktuare, Referendäre, Assistenten, Notare rc. sind ätherischund melancholisch, dem Attiker zugetheilt, die des Lydiers sanguinischund böotisch, der Römer hat feurige und männliche, der Phrygierphlegmatische und hektische Unterbeamte. Kant hatte ganz recht wiederzu den alten vier Gattungen zurückzukehren, womit wir vollkommenausreichen, und wobei wir schon aus Achtung gegen das Alter bleibenwollen.

Alles wird in der That willkürlich, wenn wir diese den AltenEhre machende Eintheilung verlassen, die keineswegs zufällig zu seinscheint. Der Sanguiniker ist der genießende, der Choleriker derthätige, der Melancholiker der sehnsüchtige, und der Phlegmatikerder leidende Mensch. Vom Blute hängt ungemein viel Psychischesab, und Damiens behauptete, er hätte Louis XV. schwerlich gestochen,wenn man ihm, wie er verlangt, die Ader geöffnet hätte. Sicherrührt der ungestüme Freiheitsdrang unserer Zeiten zum Theil davonher, daß Aderlässen außer Mode gekommen ist, wie die Staatsum-kehrungen unserer lieben Jugend, deren Verkehrtheit weniger in derErziehung, als im Blute ihrer Väter zu suchen ist, nächstdem, daß