65
VI.
Das Mode-Temperament
ist, Gott sei's geklagt, das hypochondrisch-hysterische, zu deutsch:Grillenkrankhcit. Dieses Temperament eines überfeinen Zeit-alters macht die Grundlage aller Misanthropen, empfindsamer Me-lancholiker, bitterer Lacher, allgefälliger Weltlinge nnd moralischerTaubstummen. Alles geht auf Hyper — hypersthenisch, hyperphilo-sophisch, hyperpolitisch, hyperreif rc., was unsere minder feinen Altenübergeschnappt genannt haben würden. Die Ueberschrift diesesKapitels könnte auch heißen: „Ueber den Einfluß der Krankheiten aufDenken nnd Empfinden," und gegen widernatürliche Krankheiten hatMutter Natur kein anderes Mittel, als: „Wasser thuts freilich nicht,sondern thut Buße und glaubt an das Evangelium — der Natur."Krankheit ist das Gegentheil der Gesundheit überhaupt, Seuche führtschon den Begriff von Ansteckung und allgemeiner Verbreitung mitsich; Suchten sind langwierige chronische Krankheiten, und da stehtHypochondrie oben au; das echte deutsche Wort für hypochondrisch-hy-sterische Leute wäre also, ob sie es gleich am übelsten nehmen werden:Süchtlinge, und Viele dürfte man sogar Züchtlinge nennen —sie wissen Warum?
Unordnung im Unterlcibe und Eingeweiden kehren oft die ganzeOrdnung unserer Begriffe und Gefühle uni bis znm Delirium, undsie muß sich richten nach schlappen Werkzeugen. Magen, Gedärme,Geschlechtsorgane, Nerven rc. wirken so viel auf unser Denk- und Ge-fühlsvermögen als die fünf Sinne — ein Produkt von Reizen undwahrer Instinkt, etymologisch genommen was von Innen
sticht. Gar viel hängt vorn Gehirnbrei ab, ob er weich oder hart,rein oder unrein ist, und der göttliche Funke der Vernunft muß aufdas unwürdigste Galle und Schleim unterliegen, oder den örtlichenReizen des kleinen Fleckchens, das man nicht nennt. Ein Fieber (oderVerstopfung) kann den jovialsten Mann in einen Kopfhänger um-wandeln, und einen Schwachkopf in einen Mann von Geist, wie einentzündeter Uterus das schamhafteste Mädchen in eine unverschämte,geile Dirne. Hypochondrie ist eine wahre Verwirrung des Sensoriums,
Demolritoj. III. 5