175
Vielstaaterci, wo doch wohl nicht von Nation die Rede sein kann, inkleinen Städtchen nnd Dörfern; wenn man auch sein Vaterland nichtwegen seiner Verfassung oder seines Ruhms, nicht wegen seiner Re-genten oder Landsleute rc. lieben kann, so liebt man es doch noch alsLand der Geburt. Arme deutsche Auswanderer, die Unglück, Verfol-gung oder Hunger nach den Colonien treiben, benennen ihre Anpflan-zung mit dem süßen Namen der Hcimath: so süß ist der Zauber derErinnerung an das selbst undankbare Vaterland, und die Nachweltfindet vielleicht die Namen europäischer Städte in Amerika blühen,wenn ihre Stätte im alten Lande nicht mehr gefunden wird, oder nurRuinen, wie die der Griechen nnd Römer in Ästen nnd Afrika. Anderefind gar nicht vom Flecke zu bringen, und da ist die Vaterlandsliebeweiter nichts, als Liebe des Esels für seinen Stall.
Vaterlandsliebe und Baterlaudsstolz der Alten war die Hanpt-triebfedcr ihrer Handlungen, Thaten nnd Tugenden, wogegen sie destoweniger die Tugenden des Wohlwollens nnd der Menschenliebe gekanntzu haben scheinen, die erst Früchte des Christenthums find; bostis'und Fremdling war gleichbedeutend, wie im alten Deutschland diefremden Gaffen — Elcndsgüßchcn — im Elend heißen. Exil wardaher eine der bittersten Strafen bei Griechen nnd Römern, denn siegeriethcn nur unter Barbaren um sie her; desto lächerlicher aber sindunsere Landesverweisungen in den fingerlangen Territorien des Vater-landes. Diogenes sagte den Bewohnern Sinopc's, die ihn verbannten:„Und ich vernrthcile euch, zu Sinopc zu bleiben!"
Mit hohem Nationaldünkel rühmten sich die Acghpter, das ältesteVolk der Erde zu sein, nnd gaben sich wenigstens ein Greiscnalter von100,000 Jahren; die Chaldücr wollten schon vor Alexanders Zug400,000 Jahre laug astronomische Beobachtungen gemacht haben, nnddie Chinesen kommen gar mit 100,000,000 Jahren, die ältesten Edel-leute der Erde. Die ältesten und armseligsten Völker, die ihren Ur-sprung nicht wußten, nannten sich (inäigenas, Eingeborne),
aus eigener Erde entsprungen, als ob das allgemeine Erdiudigenatnicht eben das wäre, womit schon Plutarch einen Exilirtcn tröstet nndganz theologisch hinzusetzt: „Die ganze Erde, ist sie nicht ein Exil, daunser Vaterland der Himmel ist?" Andere mögen sich damit trösten:„Es ist überall gut Brod essen," nnd die Gewohnheit thut das Uebrige;der Großstädter gewinnt endlich ein stilles Dörfchen lieb, wo er sichselbst genießt; für Würden, Reichthümer und kostbare Vergnügungen' Feind.