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stoßen wir auf derbe Lügen. Die ernsten Stoiker rechneten es unterdie Vorzüge ihres identischen Weisen, daß er zu rechter Zeit zu lügenwisse, und Plato, der die Lüge verabscheut, verstattet sie dennoch denAerzten. St. Angnstin sagt: Wenn das ganze Menschengeschlecht miteiner einzigen Lüge zu retten wäre, müsse man es eher verdammt seinlassen, und selbst da nicht lügen, wo jemand von Verbrechen, oder garvon der ewigen Verdammnis; gerettet werden könnte. Die oft so hirn-losen Kirchcngenics schrieben daher weitläufig über die Lüge ErzvaterAbrahams, als er auf den Mona stieg, Jsaak zu opfern; er sagte denKnechten: „Bleibet, wir werden hinaufgehen, mein Jsaak und ich, undwenn wir angebetet haben, wiederkehren." St. Angnstin nimmt achtKlassen Lügen an, die alle mehr oder weniger die Seele todten, undhat in einem gewissen Sinne Recht; er erlaubt nicht einmal Lugenim Scherze, oder das, was wir Windmachcn nennen, oder in der Kir-chcnsprache die pluosnäi eugiäitas äe suavilognio. ^ Ob er wohl eineder allerpraktischstcn Rcchtsrcgeln kannte: 8i t'ooisti, nega? ?
Rousseau und Kant neigen sich zu gleicher Strenge, die sie jedochselbst nicht zu üben vermochten. Es macht Jean Jacques Ehre, daßer das gestohlene und abgelängnete Band, worüber Marion aus demDienst gejagt wurde, nie vergessen konnte, und von der Zeit an sichden Wahlsprnch nahm: Vitam lmponäsrv voro. ° Er hatte fünf un-eheliche Kinder und beantwortete die Frage, ob er Kinver habe? mitNein; eine halbe Stunde später fiel ihm ein, daß er gar wohl hätteantworten können: (juollo gasstio» äs la gart ä'uuo zeuns loinmoä an viöux gar^o»! ^ Indessen scheint er auch in seinen hinterlassenen6o»lcsslons eben nicht immer seinem Wahlspruch gefolgt zu fein, wasja im Beichtstuhl sogar geschieht. Kant erzählt mit Wohlgefallen, daßer bei der dem Könige geleisteten Zusage, „sich aller Vortrüge überdie Religion zu enthalten, als Seiner Majestät getrcuestcr Unterthan,"gedacht habe: Ja. ja, so lange ich nämlich seiner Majestät getrencstcrUnterthan sein muß, d. h. so lange dieser König lebt, was er dennauch befolgte. Rousseau stellte den Grundsatz auf: Es gibt gleich-gültige Wahrheiten, die man entstellen oder verschweigen darf, ohnezu lügen —Wahrheiten, die Andern weder nützen noch schaden, folglichihnen nicht auf die Nase gebunden zu werden brauchen. Der ehrlicheJean Jacques war sicher um hundert Prozent besser als Voltaire;
> Begierde, durch angenehme Rede zu gefallen. — * Wenn du cS gethan hast, foläugnc es. — » Die Wahrheit sich zum LcbeuSgrundsatz machen. — » Welch' eine Fragefür eine junge grau au einen alten Hagestolz I