Band 
[Dritter Band. - Vierter Band.]
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Lügner. Wer erzählt, daß er aus Gram in einer Nacht graue Haarebekommen habe, dem erzählt man wieder, daß uns unser kohlschwarzesPcrrückchcn in der Angst schneeweiß geworden sei, nnd wer Köhl-hänptcr gesehen hat so groß, daß ein Reiter darunter sammt demPferde Platz hatte, dem kann man den Kessel zeigen für diesen Kohl,so groß, daß alle Arbeiter, die ihn fertigten, einander gar nicht häm-mern hörten. Wenn der Eine einen Flötenspieler kannte, der die Flöteauseinander blasen konnte, so darf der Andere auch den Waldhornistcnkennen, der sein Horn so gerade blasen konnte wie eine Orgclpfcifc,und dann wieder mit einem einzigen Wasserzng in die vorige Gestalt.Wer oben am Münster eine Fliege sitzen sieht, muß dem glauben, der siesumsen hört, und der Courier, der in zwei Tagen von Paris nachWien eilte, dem italienischen Eilboten, der, als er sich barbircn will,sich schon barbirt findet — der Alpenwind hatte ihn barbirt. JenerSeefahrer, dem im hohen Norden der Magen zufror wie ein See,muß seinem Kameraden glauben, daß er am Hofe eines Ncgerkönigstäglich sünfzehntausend Garden habe aufziehen sehen, mit eben so vielBlasbälgcn, um Seine Majestät zu fächeln, nnd, trägt sein Sehrohrnoch so weit, doch auch dem großen Optiker trauen, dessen vollkom-menstes Rohr eine ziemlich entfernte Kirche ihm so nahe bringt, daßer die Leute singen hört. Am besten und kürzesten wurde der Patron abge-führt, der da sagte, daß er bei den ewigen Kriegsgefahren stets ein Päck-chen von tausend Dukaten bei sich führe; es gab mit Recht bedenklicheMienen. — „Und Sie scheinen mir zu zweifeln? Soll ich das Päckchenaufschneiden?" — „O nein! wenn Sie es sagen, ist's so gut als aufge-schnitten." Ich weiß nicht, ob sich der Herr Baron gebessert haben; abereiner meiner Bekannten, der beim schönsten Wetter mit einem Blick insFreie sagen konnte: „Morgen um nenn Uhr haben wir Regen," odermit einem Blick in die Kelter: „Ihr Leute, über's Jahr haben wirwieder keinen Herbst," scheint sich wirklich gebessert zu haben, seit ihnjemand so oft fragte: „Haben wir morgen gut Wetter? Werden wireinen guten Herbst bekommen?"

Es gibt Leute in Menge, die eine Fabel so oft schon erzählt haben,daß sie selbst nicht mehr wissen, ob es Fabel oder Geschichte ist. Leutevon Witz und Phantasie werden Lügner, ohne es zu wollen. Ihreorientalische Einbildungskraft erlaubt ihnen durchaus nicht, ein Fak-tum rein darzustellen, sie müssen idcalisiren, und zuletzt idcalisircn sieso, daß sich die Balken vor ihnen beugen. Sie sehen, daß Ausmalennnd Brodiren mehr wirkt als die nackte Wahrheit, nnd so gewinnt