Band 
[Dritter Band. - Vierter Band.]
Seite
250
JPEG-Download
 

mit jeder Wiederholung ein altes Jugendstückchen an ästhetischer Ab-rundnng. Lange hielt ich einen Hofgärtner, der viel von Czarskoe-Selo und Katharina zn erzählen wußte und gerne nacherzählte, wennes das Decorum erlaubte, für einen Lügner, da er gerne aufschnitt;aber ich fand später, daß ich ihm selbst die Wahrheit nicht geglaubthatte, und die Person, die mich eines Besseren belehrte, erzählte niirvon einem Forstmeister, der ihn weit übertraf. Dieser wußte gar vielvorn Cap zu erzählen, von seiner glücklichen Ehe mit einer Hottentot-tin, und wenn er auf seinen wilden Schwiegervater kam, der ihmseine Kinder gefressen habe, so rollten ihm bittere Zähren die Wangenherab, und doch war er nie aus Deutschland gekommen. Er hatteeinen Kanarienvogel und einige Goldfischchen: der Vogel starb, undsiehe! eines Abends, wo er über dessen Hiutritt trauernd im Zimmersaß, hörte er die bekannten Akkorde, wie Gcisterharmonicn; er sahnäher nach, und o Wunder! es waren seine Fischchen, die vom Vogelsingen gelernt hatten.

Die besten Menschen erlauben sich gar oft Unwahrheiten aus reinerEitelkeit; sie kennen genau diese oder jene berühmten Männer, die sie niemit einem Auge sahen, waren in diesem oder jenem Lande oder dieser oderjener großen Stadt, wohin sie nie einen Fuß setzten, haben dieses oderjenes Werk gelesen, das sie nie sahen; diese oder jene Sprache geläufiggesprochen, aber aus Mangel an Uebung wieder rein vergessen, wonichts zn vergessen war; diese oder jene Gefahren bestanden, die ihnennie begegneten; diese oder jene vonus avs.iturs ^ gehabt, vor der siedas Maul wischen mußten. Damen, die eine noch beweglichere Imagi-nation und mehr Witz haben, und bei allen liebenswürdigen Schwächenuns leicht besiegen, sobald sie wollen, stachen uns auch in diesem Punktelängst herunter, da sie das Brodireu p»r 6mt ^ besser verstehen alswir, und ihre Stammmutter so Vieles lernte vom Vater der Lügen.

Im Lügen liegt ein geheimer Reiz, und nichts kann über dieseErscheinung menschlicher Selbsttäuschung bessern Aufschluß geben, alsdie Tagebücher der sogenannten Selbstbeobachter (Lavater), oder dieSelbstbiographien; man braucht sich zwar nicht vor Andern zn schämen,aber man schämt sich vor sich selbst und wird zum Heuchler und Lügnervor seinen eigenen Buchstaben. Nicht Alle darf man abfertigen, wieFürst N. N., der dem Grafen N. N. zn einem Regiment Glückwünschte. „Was mich freut," sagte der Regimentsinhaber, „ist alleindas, daß ich keinen Schritt darum gethan habe." — „Glaube, Glaube,

> Schöne Abenteuer. - - Standeshalber.