257
daß die Wahrheit noch nicht ganz von der Erde verschwunden ist, sowie die vielen Bankerotte und Vergantnngcn beweisen, daß es dochviele ehrliche Leute gibt, die sich anfuhren ließen. Unsere Alten sagtenauch: „Ehrlich wührt am längsten;" jetzt möchte man sagen: „Lügenwährt am längsten und Wind hilft weiter und durch;" wenigstenskann man lange laviren, bis der Sturm losbricht. Man wußte jaschon zn Zeiten des Pontius Pilatus nicht, was Wahrheit ist, daJesus sich mit der Sache nicht einmal befassen mochte; wir müssenuns also schon z. B. mit Swifts Pseudologie behelfen, und mit demheiligen Paulus seufzend rufen: „Schicket Euch in die Zeit!"
Lügen ist und bleibt eines der ekelhaftesten Laster, das zuletzt umalle Achtung und allen Kredit bringt; die Wahrheit ist gefährlich; ckaturtsrtiunl: * Schweigen, das der Einsame ohnehin übt, er müßte dennmit sich selbst sprechen, was lebhafte Menschen leicht thun (ich habedarüber die Nachbarschaft einer artigen Dame verloren, zumal ichNachts gerne laut dialogisire), oder Alles dadurch wieder verderben,daß er nach langem Wegbleiben von der Gesellschaft zu viel spricht,so daß einem gute Freunde sagen müssen: „Heute hast Du wieder zuviel gesprochen," was mich veranlaßt, das Kapitel über Schwätzer un-mittelbar folgen zu lassen, nachdem ich dem Lügner noch die Grab-schrift gesetzt habe:
Hier lieget Mendax, sagt man jetzt von dir,
Da sich dein Mund auf immer hat geschlossen;
Als aber sonst von ihm noch Worte flössen.
Da hieß eS: Mendax lüget hierl
XXIII.
Der Schwätzer.
O! daß ich tonnte ein Schloß an meinen Mund legen,und ein vest Siegel auf mein Maul drücken, daß ich nichtzu Fall tämc, und nicine Zunge mich nicht verderbet?.
Sirach.
Die Zunge ist das beste, aber auch das schlimmste Stückchen Fleisch,wie das, was man das edelste Glied zu nennen pflegt; beide können* ES gibt noch ei» Drittes.
D-motriloi. IV. 17