„Ich habe viele Jahre dem großen Friedrich gedient, oft dem Todeins Auge geblickt, geben Sie sich ja keine Mühe."
Wir lachen jetzt über die schwerfälligen Gratulationen au Neu-jahr-, an Geburts- und Namenstagen, bei Hochzeiten und Taufen,wie zu den Coudoleuzcn bei Trauerfällen; ja Hochselige mußten ge-druckte Standreden in Folio haben mit vollständiger Genealogie, dieim Hausarchive forterbten, geringere Selige aber, außer dem Kirchen-buche, eine kurze Biographie in der Hauspostille. Es waren noch dieZeiten, wo mau sich vetterte und baste und die Verwandtschaft, zumalwenn sie im Ansehen stand oder Geld hatte, bis ins zehnte Gliedwenigstens verfolgte. Ich kannte einen alten Reichsstädter, der einemsich gehoben habenden Vetter sicher zehntausend Gulden legirt hätte,wenn der junge Herr Vetter weniger leichtsinnig gewesen wäre undden alten Herrn Vetter fleißiger besucht und bevettert hätte. Behiel-ten nicht selbst die Großen die Namen Vetter und Liebden bei? Undhat der Bauer nicht sogar Frau Ansinnen? Herr Vetter, Herr Vetter!Und doch tanzten sie oft an meiner Seite nach dem Liebchen:
Wenn Einer a schöne Schwester hat,
So kriegt er bald 'n Schwager!
Indessen lachen wir über manche Sitte unserer Alten, die nichtnur gemüthlich war, wie Gesundheit trinken, Tischgebet, sorgfältigerGuter Morgen-, Abend- und Nachtwnnsch der Kinder, den Eltern dar-gebracht, sondern von noch wesentlicheren Folgen war, wie die Sorg-falt, Alles in den Hanskalender einzutragen, die kleinste Ausgabe,alle Termine, den Tag, wo die Kuh gekalbt hatte und das Schweingeschlachtet wurde rc. „Pah! ausgegeben ist ausgegeben." Überstandes damals nicht besser um Häuslichkeit? Machte man Schulden, stattetwas für die Kinder zurückzulegen? Wir lachen über das Gesnnd-heittrinken, das freilich Manchen, der in der Rangliste nicht bewan-dert und schüchtern war, oft Durst leiden, noch Mehrere vielleicht aberselbsteigene Gesundheit vergessen und manches Mädchen errathen machte:„Die Inklination!" Aber es hatte etwas Gemüthliches, wie dasGott helf! beim Niesen, das nicht nur bei den Alten, sondern selbstbei den wilden Stämmen, die nie etwas von jenen gehört hatten,hergebracht war, ohne daß wir den Ursprung der sonderbaren Sitteanzugeben wüßten. Niesen ist ein Zeichen von Gesundheit, mancherKrankheit eine vortheilhafte Krisis, die schon ein kleines Complimentverdient; mir sind auch fünf bis sechs Zähne, die ich für Stützenmeines Alters hielt, ohne Schmerz herausgefallen durch heftiges Nie-