137
biils und Cato, der den Vorzug der Aristokratie vor der Demokratieschildert; desto willkommener aber waren Kotzebnes Leiden derOrtendergischen Familie, und vorzüglich Salzmanns Carlvon Carlsberg. Salzmann, der berühmte Stifter der Erziehungs-anstalt zu Schnepfeuthal, dessen Krebsbüchlein oder Anleitungzur unvernünftigen Kinderzucht, eine recht gelungene Ironie ist, dessenweit natürlichere, praktische Erziehung das Aufgehen der Schweizer-Sonne am pädagogischen Himmel mit Unrecht verdunkelte, Hütte diesenPassionsroman, der sich über das menschliche Elend in sechs Bändenrecht alltäglich langweilig verbreitete, ungeschrieben lassen oder sichkürzer fassen sollen. Man hatte sich einmal in Psychologie vertieft,und so gab es denn auch Biographien der Selbstmörder und Wahn-sinnigen; Moritzens Anton Reiser möchte aber wohl eine Ausnahmeverdienen, und zwischenhinein fabelte man von Schicksal, Humanitätund Gemüthlichkeit, Alles aber sehnte sich nach einem bessern Sterne.Salzmann schrieb über das menschliche Elend recht elend; aber warumgab es keinen Kopf, der einen bessern Roman als Gegenstück lieferte,über einen Gegenstand, der recht viel komische Seiten darbietet undnoch nicht geschildert ist — über Menschen glück?
In diesen Jammerscenen war es nicht übel, daß Göthe's Götzvon Berlichiugen auftrat, sodann Otto von Wittelsbach und Kasparder Thoringer, neben des Petersburger Nicolai Rittergedichten. Abernun verwandelten sich die wimmernden schaalen Schwärmer plötzlichin alte Ritter, versanken in alle ihre Rohheiten unter Humpen undBnrgpfaffen, in Turniere und Kämpfe, in Raubzüge, Burgverließeund Vehmgerichte, die sie uni so lieber schilderten, je weniger Gründ-liches wir von dieser Kriminalmißgeburt des Mittelalters wissen.Vulpius schrieb Romangeschichten der Vorzeit in zwölf bis fünfzehnBänden, und sein Räuberhauptmann Rinaldo Rinaldini wurdeder Abgott der Nadelwelt, die schon der bloße Titel eines Romansvon Althing entzückte: „Der Hahn mit den neun Hühnern!"
Den Teufelsunfug vermehrten nun noch die geistlosen Nachahmervon Schillers Geisterseher; Spieß stand leider an der Spitze, undes wäre nicht zu verantworten, wenn wir die Sudeleien nennenwollten, wohl aber Veit Webers (Wächter) Sagen der Vorzeit, unddie trefflichen, ganz im Geiste des Mittelalters von Paul von Stellengeschriebenen „Briefe eines Frauenzimmers aus dem fünfzehntenJahrhundert." Es war recht gut, daß in diesen Zeiten, wo Blanchardfein Unwesen trieb, und es Modehüte, Hauben und Fächer ü I»