Band 
[Elfter Band. - Zwölfter Band.]
Seite
91
JPEG-Download
 

mau nächst der hitzigen Jagd auf unbedeutende Sachfehler, auch nochNamensfehlern oder Tagsbestiimnungen nachjagen wollte? Oft hatteich Gelegenheit, einen meiner Universitätsfreunde, der gleich mir Ge-schichte liebte, aber ein weit stärkeres Gedächtniß hatte und sich selbstden Tag einer Schlacht merkte, wo ich schon zufrieden war, das Jahrzu wissen, zu necken, wenn sich's traf, daß er manchmal den Tag rich-tig angab, aber nicht das Jahr.

Die Pariser Akademie machte einst bekannt, daß sie keine Abhand-lung über die Quadratur des Zirkels und über das psrgstuum mobilsmehr annähme; ob sich dies nicht auf tausend historische Fragen an-wenden ließe, die wahrhaft läppisch, unwichtig, ja nicht einmal mehrauszumachen wären? Noch 1816 schrieb Schrilles einen dicken Oktav-band „über das Paradies," und findet solches beim Libanon zu Eden,ohne an die vier Flüsse zu denken. Das Leben ist so kurz, und dieZeit zu edel, und gar viele Preisaufgaben bestätigen die Erfahrung,daß gute Köpfe zuvor mehr leisteten, als das eorps cks 1'^.oacksmio,und große, wahre Entdeckungen nicht von Akademien ausgegangensind, sondern von Genies in der Einsamkeit. Die Geschichte ist einmoralisches Endurtheil über vergangene Thaten und HingeschiedeneMenschen, das wahre Weltgericht; sie ist das Depot mehr als drei-tausendjähriger Erfahrungen, und das Protokoll über die Entwicklungder Menschheit; für Zeitgenossen gibt es daher eigentlich keine Ge-schichte, und der Weise mag sich weder durch Wahrheit unglücklich,noch durch Lüge verächtlich machen, aber für die Zukunft mag er imstillen Zimmer niederschreiben, was er für wahr und nützlich hält;nur in stiller Zurückgezogenheit geht es an, ssutirs, guas vslls, stguas sentias, ckiosrs vsl soribers.'

Meine Zeit, wo ich anfing, mit Ernst und Nachdenken auf Dingeaußer mir zu achten — der Zeitraum von 1786 bis 1816 — wiegtJahrhunderte der Vorzeit auf, und ich beneide den Mann, der solcheeinst ruhig zu studiren, und noch mehr den, der solche würdig zuschildern, und der gebildeten Welt ein klassisches Werk vorzulegen ver-mag. Es waren Zeiten, wo man fast lieber in der Vergangenheitlebte, daher ich mich auch selbst unter Päpste, Mönche und Kreuzritterverlor. Wahrlich, die liebe Geschichte ist die erste aller Wissenschaften,kann aber auch eine der letzten sein, je nachdem sie getrieben wird.Sie streift an die Kannegießereien öffentlicher Häuser, an die Frau-basereien und Anekdotenhaschereien der Abendcirkcl und den ekelhafteni Zu denken, was man will, und was man denkt, zu sagen oder zn schreiben.