Band 
[Elfter Band. - Zwölfter Band.]
Seite
187
JPEG-Download
 

187

die der Wirth zum Fenster hinauswarf; da lagen da die neunzigund neunmal neunzig Schneider in der Rinne und endeten jämmerlich !"

Uralt ist die Romanze von Meister Fleck, der im Traume vordem Richterstuhl Gottes steht, wo eine aus allen seinen gestohlenenFlecken zusammengesetzte Fahne über seinem Kopf flattert, so daß erim Schweiß erwacht, und seine Frau bittet, ihm täglich zuzurufen:„Meister, die Fahne!" Lange wirkte dieser Ruf, zuletzt verlor er alle»Eindruck, ein Stück Bigognetuch hatte solche Reize, daß es in dieHölle fahren mußte, trotz des Zurufes: „Meister, die Fahne!" —„Ach was! Von Vigogne war nichts au der Fahne!" Aber alle Ach-tung vor Schneidern: wenn es wahr ist, daß einst einer seine be-lagerte Vaterstadt dadurch rettete, daß er in einer Bockshaut meckerndauf den Mauern herumhüpfte — ha, die haben noch zu leben! sagteder Feind — so ist's grober Undank, Schneider Böcke zu schimpfen,so ungerecht als die ehemalige Anrüchigkeit der Scharfrichter, Hang-männer und Angstmänner, die im Grunde noch allein das aufrichtigsteund ehrlichste Handwerk trieben. Es kostete vormals Mühe, sie aus-zutreiben, so daß die Anverwandten des Beleidigten, oder die jüngstenRathsglieder die Rolle übernehmen mußten, daher man zuletzt garauf Schinderlehen verfiel. Das beste Auskunftsmittel hatten dieHebräer bei der Strafe der Steinigung; man führte den Verbrecherhinaus, und Jeder warf ihm sein Votum an den Kopf. Alle Achtungvor Schneidern, sie sind Leute, die Leute machen von außen; wir An-dern aber stehen freilich höher, und sind dann geistliche Kleidermachcrfür die Seele. Wir gebrauchen die Religion als Mantel und dieEhrlichkeit als Schuhe, die im Koth ausgetreten sind; die Eigenliebeist unser Ueberrock, die Eitelkeit unser Hemde, das Gewissen unserBeinkleid, das Lüste und Unfläterei deckt, aber leicht heruntergelassenwerden kann. Man lache nicht über sie, wenn sie statt des einmallächerlich gemachten Titels „Schneider" sich lieber Kleidermachernennen; sie dürften sich Leutemacher nennen, vorzüglich Damenschneider,die solches auch zu wissen scheinen, und wären immer noch der Wahr-heit näher, als die vielen deutschen Räthe, die nichts zu rathen habenoder Ritter, die keinen Gaul haben, ja nicht einmal reiten können.Nehmt dem Schmetterling seine Kleidung, seine bunten Flügel, so ister ein Wurm.

Schneider und Schuster, wenn sie nicht der Teufel mit Mystikund Pietisterei plagt, wie die gelehrten Sitzer mit hypochondrischenGrillen, sind das jovialste Völkchen, und sind gewiß drollig, wenn sie