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Der Krieg machte Deutschland frei von der napoleonischen Gewalt-herrschaft, aber die Geschichte bezeichnet ihn mit Recht als den Fürsten-freiheitskrieg. Die „Freiheit," die dem Volke zu Theil ward, sahganz so aus, wie sie aussehen mußte zu einer Zeit, da Rußland überEuropas und Deutschlands Geschicke verfügte. 1803 hatte Alexandermit Napoleon Bonaparte, dem ersten Konsul der französischen Republik,die buntscheckige Musterkarte der deutschen Vaterländer nach seinem Ge-schmack zugeschnitten. Damals kam die Zeit heran, da Alexander mitdem ehrgeizigen Korsen die Welt zu theilen gedachte. Aber die Beidenstießen einander bald ab und Alexander stürzte den Emporkömmling, umdie Welt mit seinen Verbündeten zu theilen.
Gleich nach der Schlacht von Waterloo warf Alexander die liberaleMaske völlig von sich. Seine Erfolge hatten ihn berauscht und in seinemGrößenwahn hielt er sich für ein „Werkzeug der Vorsehung." Er verlorsich in den Jrrgängen einer frömmelnden Mystik. Da brauchte dennnur noch die halbverrückte Schwärmerin Juliane von Krüdener zu kommen,um den schon halb umdüsterten Geist des Despoten mit überspanntenProjekten zu erfüllen. Sie traf 1815 in Heilbronn mit ihm zusammen,folgte ihm nach Paris und hatte ihn dort unter dem Publikum ihrerBetstunden. Diese Schwärmerin flößte ihm die Idee einer heiligenAllianz ein, zu welcher ihm den Kaiser von Oesterreich und den Königvon Preußen heranzuziehen gelang. Am 26. September 1815 wurdeder Bund abgeschlossen, dem alle europäischen Mächte, ausgenommenEngland, die Türkei und der Papst, beitraten. Die Mitglieder desBundes sollten sich gegenseitig Beistand leisten und in allen Dingen nachden Vorschriften der christlichen Liebe verfahren.*)
Der heilige Bund hielt im Namen der „christlichen Liebe" die freiheit-lichen Bestrebungen der Völker nieder und suchte von den Ueberbleibseln dervorrevolutionären alten Welt zu retten, was zu retten war. Er übernahmes, die Schöpfungen des Wiener Kongresses zu behüten und zu bewahren.
Auf diesem Kongresse schnitten Diplomaten wie Metternich, Talleyrand,Nesselrode und Castlereagh die Karte von Europa neu zurecht. Unterglänzenden Lustbarkeiten und abscheulichen Intriguen wurde da über dieVölker wie über Hammelheerden verfügt und alle die hohen Theilnehmeram Kampfe reichlich belohnt. Dennoch gerieth man über die Beute in
*) Vielleicht war die heilige Allianz auch keine Originalidee der Krüdener.Diese hatte zu Bönnigheim in Württemberg viel mit der sogenannten ProphetinKummer verkehrt. Vielleicht ist die Prophetin Kummer die eigentliche Urheberindes heiligen Bundes. Die Weltgeschichte wird ja manchmal so gemacht.