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Hannover hatte seine Verfassungskämpfe und seinen Verfassungs-umsturz von Oben herab noch nicht verwunden, als die große Bewegungihre Wogen in das Gebiet des absolutistischen Königs Ernst August hin-über wälzte. Am 6. März wurden die Volksforderungen auch diesemFürsten vorgelegt, der sie einfach abwies mit dem Bemerken, daß einedeutsche Volksvertretung beim Bunde sich mit der monarchischen Regierungs-form nicht vereinbaren lasse. Diese brüske Antwort sollte zeigen, daßder König unbeugsam sei. Die Bewegung im Lande schwoll drohendan; die Städte sandten Adressen ein, es gab Unruhen in Göttingen, dieStudenten demonstrirten — der König antwortete auf die Eingaben, daßdie Unruhen im Lande fremden Anstiftern zugeschrieben werden müßten.Schließlich wurde aber auch die Stadt Hannover selbst unruhig. Mehreretausend Bürger umringten das Schloß und sandten eine Deputation hin-ein; ein Kabinetsrath von Münchhausen erschien, um die Antwort desKönigs zu bringen. Er konnte nicht gleich sich Gehör verschaffen undschrie: „Wollt Ihr schreien oder soll ich reden?" Dieser Ton und dieseHöflingsarroganz machte die Bürger wüthend; sie zwangen den Münch-hausen, sie mit „Meine Herren!" anzureden. Was er brachte, warungenügend; namentlich wollte der König auch eine Reform der verhaßtenPolizeiverwaltung nicht zugestehen. Die Masse wandte sich voll Erbitterunggegen die Häuser verhaßter Minister und Polizeibeamten und warf dortdie Fenster ein; das Gleiche geschah einer volksfeindlichen Hofdame. DasMilitär, mit Pfeifen und Geschrei empfangen, war nicht eifrig im Ein-schreiten. Die Spannung stieg und da gab Ernst August nach. Er ent-ließ sein Ministerium, bewilligte die Volksbewaffnung und die Reformder Polizei und berief als Märzminister Stüve von Osnabrück, der alsVertheidiger der Verfassung das Vertrauen des liberalen Bürgerthumsbesaß. Mit ihm trat in die Regierung Graf Bennigsen, ein Sohn desbekannten russischen Generals, der für liberal galt, und einige Männerohne besondere politische Färbung. Stüve spielte die unschöne Rolle allerMärzminister und die Reaktion konnte darum in Hannover so gründlichmit den „Errungenschaften" von 1848 aufräumen, wie nur irgendwo.
In den kleineren deutschen Vaterländern ging die Revolution fastüberall nach dem Muster der größeren vor sich. In einigen zeigte dasVolk eine rührende Einfalt und ließ sich durch einige freundliche Worteaus fürstlichem Munde und einige kleine Zugeständnisse rasch beruhigen.
Auf dem Thüringer Wald wurden die Bauern unruhig, und es fuhrein Geist unter sie, als ginge noch Thomas Münzer leibhaftig unterihnen um und riefe ihnen sein „Drauf und dran!" zu. In Weimargab es bald unruhige Auftritte; indessen beschwichtigte der Führer der