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Die Deutsche Revolution : Geschichte der Deutschen Bewegung von 1848 und 1849 / von Wilhelm Blos ; illustrirt von Otto E. Lau
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liberalen Partei, der schlaue und gewandte Rechtsanwalt Wydenbrugk,das Volk. Am 11. März aber drangen 5000 Bauern, untermischt mitJenenser Studenten, in die Stadt, brachen durch die das Schloß schützendeBürgergarde und erzwängen den Sturz des Ministeriums, sowie die Be-rufung Wydenbrugk's zum Märzminister. Aehnliches geschah an anderenOrten, wo die Bauern gleichfalls massenweise in die Städte kamen. DerZorn der Bauern war namentlich gegen die Patrimonialgerichte und gegendie Behörden, die den Holz- und Wildfrevel streng verfolgten, gerichtet.

In Koburg-Gotha, in Meiningen, in Altenburg, in Braunschweig,in Anhalt, in Lippe-Detmold, in Hohenzollern, in Oldenburg undin den Hansestädten spielte sich die Märzbewegung fast auf die gleicheWeise ab; überall wurden die Volksforderungen mit Nachdruck zur Geltunggebracht und mit niehr oder weniger Einschränkungen bewilligt. GegenMitte März sah sich das liberale Bürgerthum in den kleineren undmittleren Staaten auf der Höhe der Situation; seine Vertreter warenals Märzminister in die Regierungen eingedrungen. Nun war die Lösungder großen Frage zu erwarten, ob auch die beiden Großmächte Oesterreichund Preußen von der Bewegung würden ergriffen werden, denn ohnesie war doch kaum daran zu denken, die deutsche Bewegung zu einemglücklichen Ende zu führen.

Bürger, Arbeiter und Bauern hatten, wie wir sahen, gemeinsamin den Märzbewegungen den herrschenden Gewalten die Gewährung derVolksforderungen abgetrotzt. Die Bauern fielen in ihre gewohnte Un-thätigkeit und Gleichgültigkeit zurück, sobald sie ihre Feudallasten loswaren. Die Arbeiter waren mit der Bewegung gegangen, weil sie fühlten,daß die bürgerliche Freiheit unentbehrlich sei, wenn sie ihre Klassenlageverbessern wollten. Sie begriffen, daß die alte Feudalwelt durch einemoderne ersetzt werden müsse und daß durch diese moderne Welt hindurchder Weg zur Befreiung der Arbeiterklasse führt. Wenn sie diese Ueber-zeugung auch nicht aus der Philosophie der Geschichte geschöpft hatten,so fühlten sie doch instinktiv, daß die bürgerliche Welt die nächste Stationauf der Bahn des Fortschritts sei. Sie haben daher redlich und vielfachselbstlos*) für die bürgerliche Revolution gekämpft und ihre Schuld ist

*) Nur an verhältnißmäßig wenigen Orten benutzten die Arbeiter die März-lage, um ihre speziellen Forderungen zu erheben. In Hamburg z. B. verlangtendie Schneider zwölfstündige Arbeitszeit, freien Sonntag und zwei Mark Lohn.Die Schneidermeister bewilligten diese bescheidenen Forderungen bis auf die zweiMark, weil ihnen, wie sie sagten, dies nicht möglich sei. Im ersten Siegesjubelund in der allgemeinen Brüderlichkeit dachten die Arbeiter wenig an sich. Spätererst, als die Klassengegensätze sich geltend machten, traten die Arbeiter der großenStädte selbständig auf, soweit dies damals eben möglich war.