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zu lebhaften Erörterungen und zu einem Protest gegen den Weißen Saal.Indessen verständigte man sich und es erschienen etwa 300 Abgeordneteim Weißen Saal; nur etwa zehn, Berends, Jung, der Schriftsetzer Brillund der Staatsanwalt von Kirchmann, blieben weg.
Der König verlas die Thronrede, in welcher er ankündigte, daß dieRegierung einen Verfassungsentwnrf vorlegen werde. Er sagte, er hättegerne das Ergebniß der Frankfurter Versammlung abgewartet, bevor erdie preußische Versammlung einberief. Aber das „Bedürfniß nach baldigerFeststellung des Rechtszustandes im engeren Vaterlands" habe dies nichtgestattet. Beim Eintritt und Austritt wurde der König von einem drei-maligen Hoch der Versammlung begleitet. Dann erklärte der Minister-präsident die Sitzungen der Versammlung für eröffnet.
Daß das preußische Verfassungswerk störend in die Einheitsbewegungeingreifen mußte, wurde sofort empfunden. Die Befürchtung, es möchtensich unlösbare Widersprüche zwischen der Reichsverfassung und den Ver-fassungen der Einzelstaaten herausbilden, lag auf der Hand. Raveauxbeantragte deshalb auch in Frankfurt, die Ständeversammlungen derEiuzelstaaten sollten keine. Einzelverfassungen berathen dürfen, bevordas Hauptwerk in Frankfurt vollendet sei. Allein Vincke und Genossenappellirten an das Vertrauen; sie behaupteten, die deutschen Regierungenwürden sich den Frankfurter Beschlüssen unterordnen. Und die Kon-,stitutionellen ließen sich einschläfern, versäumten es, den Beschluß desVorparlaments, daß die Berathung und Beschlußfassung über die künftigeVerfassung Deutschlands einzig und allein dem Frankfurter Parlamentzustehe, hier kräftig zur Geltung zu bringen, und machten, daß Alles ineine schläfrige Resolution auslief. Der Versuch der Linken, so demVereinbarungsprinzip ein Bein zu stellen, war damit gescheitert. Es mußallerdings bemerkt werden, daß wenn die Parlamente in Oesterreich undin Preußen auf die Vollendung des Frankfurter Verfassungswerkes hättenwarten wollen, sie dann wohl nie zusammengekommen wären.
Die preußische Versammlung zählte unter ihren Mitgliedern 16 Ritterund Edelleute, 98 Justizbeamte, 48 Verwaltuugsbeamte, 28 städtischeBeamte, 52 Geistliche, 27 Lehrer, 31 Kaufleute, 28 Handwerker, 68 Bauern,11 Aerzte, 3 Schriftsteller, 4 Offiziere, 1 Kommis, 1 Handwerksgesellen,1 Tagelöhner.
Die bedeutendsten Parlanientarier Deutschlands hatten sich inFrankfurt zusammengefunden. In der preußischen Versammlung saßenmeistens Leute ohne Namen. Nur die Linke hatte Politiker von Rufund solche, die es werden sollten, auszuweisen. Hier saßen Waldeck,Johann Jacoby, Temme, der damals noch preußischer Staatsanwalt war,