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Die „National-Zeitung" und die „Reform" verhöhnten den „Dema-gogen"; die „Reform" meinte: „Vielleicht haben die Fischer Herrn Heldbestochen, damit er nicht mehr unter den Zelten (mit seiner mächtigenStimme) die Karpfen in der nahen Spree vertreibt! Denn wozu sollte ihndas Ministerium bestechen? Er hat ja ohnehin demselben schon in dieHände gearbeitet!" — Held gesteht seine Unehrlichkeit selber ein in seinemBuche „Das Revolntionszeitalter." Dort nennt er die ganze Agitationdes 13. und 14. Mai eine „unsinnige." Wenn sie ihm so erschien,warum trat er dann an die Spitze der ganzen Bewegung? Seine Kon-spirationen mit den reaktionären Parteien und sein Verrath an derDemokratie wurden später, theilweise durch sein eigenes Bekenntniß,offenbar. Wir werden darauf zurückkommen.
Um diese Zeit erließ der Magistrat ein „Gesellen-Reglement," nachwelchem die Arbeiter schon wegen Zuspütkommens mit Gefängniß bestraftwerden sollten. Stefan Born griff diese Art von bürgerlicher Märzfreiheitim Zentralkomits für Arbeiter und in seiner Zeitschrift: „Das Volk"heftig an. Während das liberale Bürgerthum die Freiheit der Arbeiterbeschränken half, sammelten sich die konservativen Gegner des Liberalismusin dem „Preußenverein für konstitutionelles Königthum." Dieser Vereinverhieß, er wolle „republikanischen wie absolutistischen Tendenzen" gleich-mäßig entgegentreten. Hier fanden sich Hofbeamte und Bureaukraten,Hofschuhmacher und Hofschlächter, Partikuliers, Generale a. D., Banquiersund Kommerzienräthe zusammen. Der Konstitutionalismus wurde vondem Verein als zeitweilige Maske getragen; im Uebrigen war hier derSammelpunkt der entschiedenen Reaktionäre. Die Demokratie suchte durchKlubs, wie der Volksklub, der Verein für Volksrechte u. s. w. ihre PositionM verstärken.
So befanden sich die reaktionären Elemente schon im Vordringen,als die Vereinbarungs-Versammlung*) zusammentrat. Sie wurde am22. Mai im Weißen Saal eröffnet. Die Frage, ob sich die Abgeordnetendahin begeben und nicht vielmehr die Eröffnung in dem der Versammlungüberwiesenen Sitzungslokal in der Singakademie fordern sollten, führte
*) Mau nennt diese Versammlung gewöhnlich die preußische National-versammlung, unserer Ansicht nach mit Unrecht. Es gab wohl eine deutscheNationalversammlung, aber keine preußische. Wie würde man gelacht haben, wennHamburg seine konstituirende Versammlung, die doch auch eine neue Verfassungzu berathen hatte, als Hamburgische Nationalversammlung bezeichnet hätte! Unddoch hätte Hamburg dasselbe Recht dazu gehabt! In neuerer Zeit sprach von der"preußischen Nation" Herr von Puttkamer, wie diese Bezeichnung dem Junkerthumvon jeher geläufig war.