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Die Deutsche Revolution : Geschichte der Deutschen Bewegung von 1848 und 1849 / von Wilhelm Blos ; illustrirt von Otto E. Lau
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selbe unbestritten ist und daß die Versammlung nicht ihre Aufgabe darinerkennt, Urtheile abzugeben, sondern die Verfassung mit der Kronezu vereinbaren, geht die Versammlung zur Tagesordnung über."Johann Jacoby verwies umsonst auf Gageru, der die Souveränität derFrankfurter Versammlung ausgesprochen hatte. Nach einer zweitägigenDebatte ward am 9. Juni der Antrag Zachariä angenommen und zwarmit 196 gegen 177 Stimmen.

Hätte der Berends'fche Antrag die Mehrheit erhalten, so wären dieBeschlüsse der Versammlung um eine schönklingende Phrase reicher gewesen,die aber in Berlin so wenig praktische Bedeutung hätte gewinnen können,wie die Gagern'sche Souveränitäts-Erklärung zu Frankfurt am Main.

Indessen erregte diese Abstimmung neue Reaktionsbefürchtungen beider Masse, die ohnehin schon längst durch die reaktionären Adressen undAufrufe aus den Provinzen, die tagtäglich in den Blättern erschienen,die Märzerrungenschaften gefährdet sah. In wilder Aufregung umdrängtendie Volkshausen das Sitzungslokal der Versammlung. Eine Deputation,die sie an den Präsidenten der Versammlung sandten, wurde ziemlich brüskabgefertigt. Als die Abgeordneten den Sitzungssaal verließen, wurdeneinige von der Rechten vom Volke mit nicht gerade schmeichelhaften Zu-rufen empfangen, namentlich Sydow; auch der Minister von Arnim,welcher nach dem Bericht eines Augenzeugen der Menge in etwas heraus-forderndem Tone zugerufen haben soll:Was stehen Sie denn hier?Was wollen Sie denn?" wurde bedroht. Ein Volkshaufe umringte ihn;der Minister wurde von Abgeordneten und Studenten durch das tobendeBolk in die Universität geleitet. Niemand wurde mißhandelt, aber derBorsall genügte denHeulern," sich zu geberden, als sei die Versammlungiu ihrer Freiheit bedroht, und der Polizeipräsident und der Chef derBürgerwehr zeigten gemeinsam an, daß sie einschreiten würden, wenn sichsolche Dinge wiederholten.

Aus Pommern kamen schon Manifeste, welche aufforderten, die Be-schlüsse der Versammlung nicht als frei und bindend zu betrachten. Siegingen von dem dreisten pommerschen Junkerthum aus. Doch fanden sieum diese Zeit noch wenig Anklang. Der Gegensatz zwischen Stadt und8aud klaffte immer tiefer auf und ein von Held unternommenerVer-söhnungsversuch" goß nur Oel ins Feuer. Das Mißtrauen gegen Heldumr in schnellem Steigen und als er sich um den Posten eines Bürgerwehr-Eouimandauteu bewarb, wurde er von allen Seiten mit blutigem Hohnüberschüttet.

Eine Menge von Umständen wirkten zusammen, die Aufregung rnden Volksmassen zu steigern, namentlich unter den Arbeitern. Der