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Arbeitsminister von Patow machte es zu seiner Aufgabe, die Arbeiter,als das gefürchtetste revolutionäre Element, nach und nach aus Berlinfortzuschaffen. Sie wurden in die Provinzen, wo es Arbeiten gab,massenhaft abgeschoben. Indessen ging das nicht so schnell und nicht ohnedaß vorher noch einmal in Berlin eine Katastrophe eintrat. DumpfeGerüchte von einem beabsichtigten reaktionären Handstreich schwirrten durchdie Luft. Nun entdeckte man, daß die Regierung das Zeughaus durchMilitär bewachen ließ, weil sie einen Angriff des Volkes auf das Gebäudebefürchtete; jede Nacht kampirte eine Kompagnie Infanterie im Innerndes Zeughauses. Dies erzürnte auch die loyale Bürgerschaft und dieBürgerwehr, die sich so viel darauf zu Gute that, daß in Berlin Allesunter ihren Schutz gestellt sei. Man erfuhr auch, daß aus dem Zeughausedes Nachts in Spreekähnen Waffen und Munition für das Militär weg-geschafft wurden. Die Arbeiter waren in großer Erbitterung, daß siekeine Waffen erhalten hatten, und sie hielten auch einige der Spreekähnemit den Waffen an.
In solchen Zeiten allgemeiner Erregung genügt oft ein ganz gering-fügiger Umstand, den glimmenden Funken zur Flamme zu entfachen. Alsdaher am Morgen des 14. Juni die Höfe des königlichen Schlosses durchGitterthüren abgesperrt wurden, gab dies den Anlaß zu einem Volks-tumnlt. Die Berliner waren gewohnt gewesen, die Schloßhöfe frei zupassiren; auch die Bürger loyalen Schlages waren erbittert ob der Ab-sperrung. In seiner Aufregung riß das Volk die Gitterthüren ab undwarf eine davon in die Spree.
Dieser Vorfall zog eine Masse Menschen an, die sich auf dem Platzevor dem Zeughause ansammelten. Das Gebäude war im Innern vonder Kompagnie Infanterie bewacht, außen durch eine Abtheilung Bürger-wehr geschützt.
In der Versammlung konnten sich die Angstmeier noch immer nichtüber den Vorfall vom 9. Juni, die Bedrohung von Abgeordneten, be-ruhigen und Reichensperger beantragte Maßregeln zum Schutze der Ver-sammlung. Sein Antrag wurde von Bücher, Jung*) und Anderenenergisch bekämpft und trotz der drohenden Volksbewegungen auf denStraßen abgelehnt. Man verließ sich auf die Bürgerwehr.
Die Stadt war voll von Tumulten; aufgeregte Menschenmassen, baldBrot und bald die Zurückziehung des Militärs aus dem Zenghause
*) Lothar Bücher, später die rechte Hand Bismarck's, gab sich hier alsradikalen Demokraten; Jung, später ein nationalliberaler Heißsporn, sprach vonden Vorfällen am 9. Juni als von einem „Schaumspritzen der Freiheit,"vor dem man nicht gleich erschrecken dürfe.