Die europäische Lage.
Während die demokratische Bewegung in einzelnen Anläufen verpuffteund ein Einverständniß zu planmäßigem Handeln zwischen den Zentrender Bewegung nicht zu erzielen war, verständigten sich die Regierungenum so schneller. Die österreichische Regierung machte kein Hehl daraus,daß ihr die Beschlüsse des Frankfurter Parlaments nicht gefielen und daßsie sich denselben widersetzen werde; die preußische that dasselbe, nur in ge-wählterer Form, indem sie sich die Zustimmung zu den Beschlüssen desParlaments vorbehielt. Im Hintergrund stand drohend Rußland, vondem man wußte, daß seine Massen sich aus den ersten Nothruf gegen dieDemokratie in Bewegung setzen würden. Um in dieser Lage das deutscheVerfassungswerk in volksthümlichem Sinne zu vollenden, die Souveränitätder Volksvertretung zu wahren und die Gefahren der äußerenSituation abzuwenden, dazu gehörten andere Geister und andere Herzen,als sie die junge Demokratie und der hohlköpfige Liberalismus von 1848besaßen. Dazu kam noch, daß man die geistigen Kräfte unter denreaktionären Elementen in geradezu alberner Weise unterschätzte und ihnendie feinen Berechnungen und Intriguen, in denen sie Meister waren, garnicht zutraute, während man das seichte Geschwätz eitler Professoren inden Himmel hob.
Anfänglich glaubte man in den Hofkreisen an eine internationaleOrganisation oder wenigstens Verständigung der Demokratie. Wie manin dieser Beziehung die Situation dem König von Preußen dargestellthatte, ergiebt sich aus einem Briefe, den derselbe am 30. Mai 1848 anseinen Freund Bunsen in London schrieb.
„In Berlin," heißt es dort, „wird ein neuer 18. März organisirt.Ungeheuer viel polnisches und französisches Gesindel ist in den Kneipen,Kellern und Höfen verborgen. Die Lügenbrut ist furchtbar thätig.Französisches Geld kursirt namentlich in Frankenstücken, wie in denMärztagen. Kurz, wenn der montirte Coup nicht an der Feigheit desGesindels und an den Baponnetten der Bürgerwehr scheitert, so habenSie große Begebenheiten zu erwarten. Ist es Ihnen noch gar nicht