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Die Deutsche Revolution : Geschichte der Deutschen Bewegung von 1848 und 1849 / von Wilhelm Blos ; illustrirt von Otto E. Lau
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noch mehrere Märzforderungen fanden ihre Erfüllung in der Verfassung,während die ängstlichen und reaktionären Gemüther durch das Zwei-kammersystem und dergleichen vorbeugende Einrichtungen beruhigt wurden.Die Hauptsache aber war, daß man sich gleich eine Revision der Ver-fassung vorbehielt. So stellte die Verfassung das Uebergewicht derRegierung im Lande her und nachher wurden die verschiedenenErrungen-schaften" wieder aus der Verfassung hinausrevidirt.

Der Camarilla gingen die Konzessionen der Verfassung zu weit;auch der König weigerte sich lange, denWisch," wie er die Verfassungnannte, zu unterschreiben. Aber man sah in der Verfassung das einzigeMittel, die Ruhe im Lande zu erhalten und die Aufregung über dengegen die Versammlung geführten Schlag zu dämpfen. Gerlach tröstetesich schließlich mit den Worten:Soll man überhaupt einen sogroßen Werth auf solch papierene Verfassung legen?"*) Mansieht daraus, daß die demagogische Kunst der Konservativen, sich alsverfassungstreu" aufzuspielen, wie es heute gegenüber der Oppositionund namentlich gegenüber der Sozialdemokratie geschieht, sich den augen-blicklichen Umständen anpaßt; von innerer Ueberzeugung ist da nicht dieRede. Damals hätten die Konservativen am liebsten die Verfassung gestürzt.

Die Verfassung war ein Stück jener traditionellen preußischen Politik,die immer einigen zeitgemäßen Forderungen bis zu einem gewissen Gradenachgiebt und damit sich ein Mäntelchen schafft, mit dem sie ihre mittel-alterlichen, reaktionären Auswüchse vor den Augen des kurzsichtigenPhilisters verhüllt.

So elend unterlag die liberale und demokratische Bourgeoisie derGewaltspolitik des Ministeriums Brandenburg-Manteuffel; unter demHohngelächter der wieder erstarkenden reaktionären Elemente trat sie mitihrer Spottgeburt vonpassivem Widerstand" vorn Schauplatz ab. Siehatte die vom Volke erstrittenen Errungenschaften nicht festhalten können.Der passive Widerstand that sich auf in der ganzen Kläglichkeit seinerOhnmacht."**) Hätte man in Berlin seitens des bürgerlichen Liberalismusnur einige wirkliche Festigkeit gezeigt, so hätte man, auch ohne daß eszum blutigen Kampfe gekommen wäre, wenigstens eine so kläglicheNiederlage vermeiden und den Uebermuth Wrangel's zügeln können. Dennin denhöheren Regionen" herrschte auch nicht unbedingte Sicherheit.

Während sich das liberale Bürgerthum dergestalt unterwarf, gab es

*) Aufzeichnung vom 23. November 1848.

**) So meint Johannes Scherr in seinem Buche:Von Achtundvierzig bisEinundfünfzig," das, an sich gut geschrieben, eines bestimmten Standpunktesentbehrt und namentlich eine bornirte Radetzky-Berherrlichung ausweist.