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leuchten, das nicht mit einem Tropfen demokratischen Oelsgesalbt ist!" dagegen gesprochen hatte. Die Antrüge, die Dauer derKaiserwürde auf Lebenszeit, sowie auf zwölf und auf sechs Jahre festzu-setzen, wurden gleichfalls verworfen. Die Entscheidung darüber mußteaus die zweite Lesung verschoben werden.
So schwebte das Bild eines konstitutionellen Kaisers, dem die36 deutschen Fürsten sich unterordnen sollten, in — der Luft. Indessenzeigte sich das liberale und konstitutionelle Bürgerthum mit dem Kaiser-thum einverstanden; es versenkte sich gerne in die romantischen Träumereienvon den Ottonen und Hohenstaufen. Dagegen erklärte die radikale zweiteKammer in Sachsen sich mit fast allen Stimmen gegen ein unverant-wortliches und erbliches Oberhaupt und forderte eine Lösung der Fragein demokratischem Sinne.
Die eindringlichen Lehren, welche die deutsche Geschichte in denvielen Kämpfen zwischen Kaiserthum und Reichsfürstenthum giebt, wurdenvon dem Parlament nicht beachtet.
Im Laufe des Monats Januar erklärten die meisten der kleinerenund kleinen Fürsten Deutschlands ihre Zustimmung zu der Kaiserwürde.Das. Parlament nahm diese Zustimmungen freudig entgegen und gabdamit zu erkennen, daß es von dem Standpunkt des Souveränitäts-Bewußtseins, nrit dem Gagern einst so stolz sein Präsidialamt angetretenhatte, völlig gewichen war. Die Freude der Mehrheit des Parlamentsüber die fürstlichen Zustimmungserklärungen wurde rasch in Trübsalverwandelt. Preußen that, was mit Ausnahme der Blindekuhspieler inder Paulskirche Jedermann von ihm erwarten mußte; es gehörte übrigensauch nicht einmal besonderes Verständniß dazu, um darüber gewiß zusein, daß das Ministerium Brandenburg-Manteuffel keine „nationale"Politik im Sinne der Gagern und Genossen treiben würde. Darüberkonnten das Verhalten Rußlands und die Lektüre der „Kreuzzeitung"hinreichend belehren. In der Note, welche die preußische Regierung am23. Januar 1849 an ihre Gesandten in Deutschland richtete, war mitdürren Worten gesagt, daß Preußen die Zustimmung der Fürsten zurdeutschen Reichsverfassung für unumgänglich erachte und daß die Auf-richtung einer neuen deutschen Kaiserwürde zur Erlangung der Einigungnicht nothwendig sei.
Der Staatsmann Gagern, der so großspurig die Zustimmung derFürsten zu der Reichsverfassung antizipirt hatte, wollte nunmehr etwasrecht Gescheidtes thun und forderte am 28. Januar die deutschen Fürstenauf, ihre Erklärungen über die bis jetzt beschlossenen Stücke der Ver-fassungen abzugeben. Er bedachte nicht, daß er dem Parlament damit