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Was er gethan, ist kein Verrath im gewöhnlichen Sinne des Wortes;die Anschuldigung, daß er bestochen gewesen, halten wir für albern. Aberdaß er aus Ehrgeiz, aus kleinlichem Haß, aus engherzigem Vorurtheilgegen demokratische und republikanische Bestrebungen die Niederlage seinesVolkes herbeiführen half, das ist die Schuld, die auf ihm lastet und vonder ihn Ungarn bis heute nicht freigesprochen hat.
Die gefangenen Ungarn wurden natürlich von den Russen an denWütherich Hapnau ausgeliefert.
Die Orgien der Rache konnten aber noch nicht beginnen, denn nochflatterte das ungarische Banner von den Zinnen von Komorn, wo dertapfere Klapka befehligte, während Peterwardein sich ergeben hatte. Görgeyschrieb an Klapka am 16. August und suchte fein Verhalten zu rechtfertigen.Es heißt in diesem Briefe: „Bis jetzt wurden wir so behandelt, wie esder brave Soldat vom braven Soldaten erwarten mußte. Erwäge, wasDu thun kannst und sollst."*) Aber Klapka steckte den Kopf nicht indie Schlinge. Er hatte das schwache Zernirungskorps geschlagen, seinHeer verstärkt und wollte gerade nach Oesterreich einfallen, nachdem er anKossuth geschrieben, daß er sein Heer im Felde auf 30 000 Mann bringenkönne und daß nach den Berichten russischer Generale Hapnau undPaskiewitsch den Winter fürchteten, daß man also den Krieg bis dahinhinausziehen müsse. Da kam die Kunde von Vilagos an und der Einfallnach Oesterreich mußte unterbleiben.
Klapka, von den Oesterreichern hart belagert, trotzte aller Gewaltund List bis zum 27. September und übergab die Festung nicht eher,als bis er für sich und seine Mannschaften freien Abzug gesichert hatte.Am 2. Oktober streckte die tapfere Besatzung von Komorn die Waffen;das letzte Bollwerk der Ungarn war gefallen.
Ganz Ungarn wurde nun in Belagerungszustand erklärt und Stand-gerichte eingesetzt. Die Gefängnisse füllten sich und die Prozesse begannen.Wenn schon die österreichische und russische Kriegführung barbarisch ge-wüthet hatte**), so stürzte sich jetzt die „Hpäne von Brescia" auf diegefangenen Häupter der Erhebung. Die Standgerichte sprachen Todes-
*) Klapka, in dessen Memoiren sich dieser Brief findet, erklärt, daß alleanderen, in öffentlichen Blättern erschienenen Briefe Görgep's an ihn er-dichtet seien.
**) Eine kleine Probe aus dem mehrerwähnten Werke eines österreichischenOffiziers mag genügen. Beim Kampfe im Baranper Komitat wurde Fünfkirchen,das vom ungarischen Landsturm besetzt war, mit Sturm genommen. „Der Land-sturm," heißt es in jenem Buche, „floh in wilder Hast. Bei der Verfolgungwurden Viele ereilt und ein großer Theil derselben sogleich hingerichtet."