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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Vorwort.

zu werden. Man wird in Zukunft gewisse Fehler des Denkens undder Willensrichtung mit Sicherheit vermeiden oder mit Lächeln inihrem Entstehen berichtigen, wie man heutzutage bei einer hand-greiflichen optischen Täuschung verfährt, mit deren Wesen Jedermannvertraut ist. Damit aber können, die tief in der menschlichen Naturbegründeten Gegensätze der Neigungen und Ansichten unglaublich ge-mildert und gewissermassen auf einen harmonischen Antagonismuszurückgeführt werden. Ob man dahin friedlich und allmählig gelangt,oder durch einen grossen Entscheidungskampf gegen die Mächte, indenen sich der böse Wille concentrirt, steht dahin.

In rein theoretischer Hinsicht sind die Punkte, um die es sichhandelt, Vielen schon ihrer vollen Bedeutung nach klar. Namentlichist Kant in neuester Zeit, besonders unter den Naturforschern, zugrösserem Ansehen gelangt, und das Bleibende in seinem System wirdimmer mehr zum Gemeingut der leitenden Geister auch ausserhalbdes engen Kreises der Schulphilosophie. Es musste jedoch der falscheAbsolutismus jenes Systems zerschlagen, der fälsche Schein einer zwin-genden Deduktion beseitigt werden, um die einfache Wahrheit in ge-meinverständlicher Weise hervortreten zu lassen. Dass Kant mit demMaterialismus sehr viel weiter zusammengeht, als seine Anhänger vonder dogmatischen Richtung, Schleiden an der Spitze, einräumenwürden, wird aus unsrer Darstellung hoffentlich einleuchtend hervor-gehen; ebenso aber, dass seine Rettung der Ideen auf praktischemWege nicht blosser Schein ist, wie Noack es darstellt, und auchnicht reine Willkür, wie in dem Kantianismus, den J. B. Meyer denMaterialisten entgegenstellt. Noack, der sich ein grosses Verdiensterworben hat durch die scharfe Hervorkehrung der negativen Seiteder Kant’schen Kritik, welche Unwissenheit und Tendenz stets wiederzu bemänteln suchen, hat eben doch wohl ein wesentliches Elementder Anschauung Kant’s über Bord fallen lassen, welches in der auf-richtigen — keineswegs schalkhaften, ironischen oder gar weltklugen— Werthschätzung der Ideen besteht, deren theoretische Halt-losigkeit Kant darthut. J. B. Meyer fasst diese Werthschätzung vielzu subjektiv, wenn er den „Sprung in das Unbegreifliche“ als eineArt metaphysischer Max Stirner schlechtweg für seine eigne Lieb-haberei erklärt. (Zum Streit über Leib und Seele, S. 122). Nimmer-