Der Materialismus im Alterthum.
denn keiner dachte sich die Götter wie die priesterliche Tradition esvorschrieb sie zu denken.
Werten wir 'nun einen Blick auf die Küsten Klein-Asiens injenen Jahrhunderten, die der Glanzperiode hellenischen Geisteslebenszunächst vorangehen, so zeichnet sich durch Reichthum und materielleBliithe, durch Kunstsinn und Verfeinerung des Lebens die Colonieder Ionier aus mit ihren zahlreichen und bedeutenden Städten. Handelund politische Verbindungen und der zunehmende Drang nach Wissenführte die Einwohner von Milet und Ephesus zu weiten Reisen, brachtesie in manniehtäche Berührung mit fremden Sitten und Meinungenund beförderte die Erhebung einer freigesinnten Aristokratie über denStandpunkt der beschränkteren Massen. Einer ähnlichen frühen Blütlieerfreuten sich die dorischen Kolonien in Sicilien und Unteritalien.Man darf unbedenklich annehmen, dass, längst vor dem Auftreten derPhilosophen, unter diesen Verhältnissen eine freiere und aufgeklärteWeltanschauung sich unter den höheren Schichten der Gesellschaft ver-breitet hatte.
In diesen Kreisen wohlhabender, angesehener, weltgewandter undvielgereister Männer entstand die Philosophie. Thaies, Ileraklit undEmpedokles nahmen eine hervorragende Stellung unter ihren Mit-bürgern ein, und es ist kein Wunder, dass Niemand daran dachte, siewegen ihrer Ansichten zur Rechenschaft zu ziehen. Dies ist freilichnoch nachträglich geschehen; denn im vorigen Jahrhundert wurde dieFrage, ob Thaies ein Gottesleugner gewesen, in eigenen Mono-graphien eifrig abgehandelt. — Erst als Sokrates die Philosophieunter die Massen zu bringen drohte, als die Sophisten ein Gewerbeaus ihr zu machen begannen, erwachte die Opposition und trat mitder Staatsgewalt für die Interessen des traditionellen Glaubens ein. —
Wenn nun jene aristokratische Lebensbildung reicher und grosserStädte als befreiendes Element vorbereitend wirkte, so gab doch denpositiven Anstoss zu der entscheidenden Frage nach dem -wahrenWesen der Dinge die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften.Thaies und Anaximander waren Astronomen und Mathematiker. Indiesen Wissenschaften war damals der Orient Griechenland weit voraus;die bedeutendsten griechischen Forscher besassen nur Bruchstückevon der Weisheit der Chaldäer, der Inder, der Aegypter: eins aberwar ihnen gegeben, was der Orient nicht kannte, und in diesemeinem concentrirt sich der Ausdruck für die ganze wissenschaftlicheBefähigung des Griechenvolkes.