Die neuere Philosophie.
257
Betracht bleiben müssten. Wir bemerken nur beiläufig, dass da, wo essich um die ersten Grundlagen aller Erkenntuiss handelt, von einemUnterschied des physischen und psychischen noch gar nichtdie Rede sein kann. Es ist von Thatsachen des Bewusstseins dieRede, und es bleibt dabei völlig gleichgültig, ob man sich dies mit denVorgängen in den äusseren Sinnesorganen, oder im Gehirn, oder gleich-sam noch hinter dem Gehirn irgendwo verbunden denkt. Die Empfindungder blauen Farbe ist als Thatsache des Bewusstseins ebenso geistig, alsdie Vorstellung des unendlichen Raumes oder einer ewigen Zeitdauer.Wenn wir aber durch Analyse der Sinnesorgane je dahin kommensollten, einen Grund dafür zu entdecken, warum z. B. für das Ohr16 Schwingungen in der Sekunde nicht mehr discret empfunden werden,sondern in eine einheitliche Empfindung zusammen fliessen müssen, sowürden wir damit nur einen Schimmer von Licht über den Grund derApriorität der Schallempfindling erhalten, welcher dieser Aprioritätselbst nicht im mindesten widerspricht.
Wie Kant für die Sinnlichkeit Raum und Zeit als Formen der An-schauung a priori hinstellte, so glaubte er für das Gebiet des Verstandesdie Categorien als die a priori gegebenen Stammbegriffe nachgewiesenzu haben. Dieser Nachweis, so ungenügend er ist, hat ihn viel Kopf-zerbrechen gekostet. Durch einen einzigen dieser Begriffe, den Causa-litätsbegriff, gegen welchen flume seine zersetzende Skepsis ge-richtet hatte, gelangte Kant gewissermaassen an seine ganze Philosophie,und die vermeintliche Entdeckung der vollständigen Categorientafelwar es vermuthlich, was Kant dafür entschied, als Reformator der Phi-losophie aufzutreten, nachdem er bereits als Philosoph der WölfischenSchule und vorzüglich auch als gründlicher Kenner der Mathematik undNaturwissenschaften einen nicht unbedeutenden Ruf erlangt hatte. Dochhören wir über die innere Geschichte dieser folgenreichen WandlungKants eigene Worte! Hat doch der Causalitätsbegriff gerade für dieBeurtheilung des Materialismus so hervorragende Bedeutung, dass derwichtigste Abschnitt aus der Geschichte dieses Begriffes auch wohl inder Geschichte des Materialismus einen Platz verdient, ln der Einleitungzu seinen Prolegomenen behauptet Kant, dass seit dem Entstehen derMetaphysik keine Begebenheit sich zugetragen habe, die für 1 das Schicksalderselben hätte entscheidender werden können, als der Angriff Hume’swenn dieser nur ein empfänglicheres Publikum gefunden hätte. Dannfolgt eine längere, höchst denkwürdige Stelle, die wir hier unverkürztwiedergeben:
Lauge. Cresch. »i. Mat
17