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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Erster Abschnitt.

definirt, als der mit dem Wesen erfüllte Schein und die Wirklichkeitist da, wo die Erscheinung ganze und adäquate Manifestationdes Wesens ist. Der Aberglaube, dass es dergleichen geben könne,wie „ganze und adäquate Manifestation des Wesens“ in der Erscheinungist auch auf Feuerbach übergegangen. Er erklärt jedoch die Wirklich-keit schlechthin durch Sinnlichkeit, und dies ist es, was ihn den Ma-terialisten nähert.

„Wahrheit, Wirklichkeit, Sinnlichkeit sind identisch. Nurein sinnliches Wesen ist ein wahres, ein wirkliches Wesen, nur dieSinnlichkeit Wahrheit und Wirklichkeit.“ „Nur durch die Sinnewird ein Gegenstand im wahren Sinne gegeben nicht durch dasDenken für sich selbst.“ Wo kein Sinn, ist kein Wesen, kein wirk-licher Gegenstand.“ — Wenn die alte Philosophie zu ihrem Ausgangs-punkte den Satz hatte: Ich bin ein abstractes, ein nur denkendes Wesen;so beginnt dagegen die neue Philosophie mit dem Satze; „Ich bin einwirkliches, ein sinnliches Wesen: der Leib gehört zu meinemWesen; ja, der Leib in seiner Totalität ist mein Ich, meinWesen selber.“ — „Wahr und göttlich ist nur, was keines Beweisesbedarf, was unmittelbar durch sich selbst gewiss ist, unmittel-bar für sich spricht und einnimmt, unmittelbar die Affirmation,dass es ist, nach sich zieht - das schlechthin Entschiedene,schlechthin Unzweifelhafte, das Sonnenklare. Aber sonnenklarist nur das Sinnliche; nur, wo die Sinnlichkeit anfängt, hört allerZweifel und Streit auf. Das Geheimniss des unmittelbaren Wissensist die Sinnlichkeit.“

Diese Sätze, die in Feuerbachs Grundsätzen der Philosophie derZukunft (1849) fast so aphoristisch stehen, wie wir sie hier zusammen-stellen, klingen materialistisch genug. Dennoch ist wohl zu beachten,dass Sinnlichkeit und Materialität nicht identische Begriffe sind. Formensind nicht minder Gegenstand der Sinne, als Stoffe; ja, die wahreSinnlichkeit giebt uns immer die Einheit von Form und Stoff. Wir ge-winnen diese Begriffe erst durch Abstraction, durch das Denken. Durchferneres Denken gelangen wir dann dazu, ihr Verhältniss in irgend einerbestimmten Weise aufzufassen. Wie Aristoteles allenthalben der Formden Vorrang giebt, so der gesammte Materialismus dem Stoff. Es ge-hört zu den unbedingt nöthigen Kriterien des Materialismus, dass nichtnur Kraft und Stoff als unzertrennlich gedacht werden, sondern dass dieKraft schlechthin als eine Eigenschaft des Stoffes gefasst wird, und dassweiterhin aus der Wechselwirkung der Stoffe mit ihren Kräften alle