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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
Entstehung
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470
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

Fichte den Naturforschern und Aerzten mit seiner Anthropologie(185G) gleichsam als philosophischer Hausarzt und Gewissensrath.Obwohl sein Buch durch logische Schwäche und anspruchsvolleWiederholung veralteter Irrthümer grade bei den Naturforschern demAnsehen der Philosophie nur geschadet hat, so hat es doch in an=dern Kreisen viel dazu beigetragen, den nahen Zusammenhang derPsychologie und Physiologie dem allgemeinen Bewusstsein fühlbarerzu machen. Ja, es geschah in diesen Zeiten sogar das Wunder,dass die Epigonen der Hegel’sclien Philosophie sich zum Theileiner nüchternen, fast naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise derPsychologie zuwandten. George schrieb ein tüchtiges Büchlein überdie fünf Sinne; Schaller sah sich durch seinen Kampf gegen denMaterialismus zur eingehenden Berücksichtigung des Physiologischengezwungen. Später gaben beide Männer eine Psychologie heraus,und beide diese Werke lassen den Zug der Zeit nicht verkennen.Es verdient alles Lob, dass sie sich vollkommen bewusst sind, inder Hauptsache noch auf dem Boden der Spekulation zu stehen,während sie dies doch nicht mehr thun, als auch die Urheber derangeblich naturwissenschaftlichen Psychologie. Es muss dagegenimmer wieder bekämpft werden, wenn die Prätension wieder auf-tauclit, als sei das spekulative Wissen ein höheres und glaubwür-digeres als das empirische, zu dem es sich einfach wie eine höhereStufe zur niederen verhalte. Mögen unsre Leser sicli’s nicht ver-driessen lassen. Es gehört eben zu den Kernwahrheiten einer herein-brechenden neuen Periode der Menschheit — nicht dass man, wieComte wollte, die Spekulation abschaffe, wohl aber, dass man ihrein für allemal ihren Platz an weise, dass man wisse, was sie fürdas Wissen leisten kann und was nicht.

Schaller äussert sich über dies Verhältnis so: „Die Natur-wissenschaft kann sich eines exakten Wissens rühmen, wenn sie sichdamit begnügt, aus der Beobachtung der Erscheinungen die Gesetzederselben zu finden, und die quantitativen Verhältnisse, welche un-mittelbar in diesen gefundenen Gesetzen enthalten sind, zu formuliren.Natürlich steht es jedem frei, mit diesem exakten Wissen sich zubegnügen; damit resignirt er aber auch nothwendig auf die Beant-wortung aller der Fragen, mit welchen sich von jeher die Philosophiebeschäftigt hat.“ Nun dann! Wie verschieden die Philosophie dieFragen beantwortet hat, mit denen sie sich von jeher beschäftigt,ist bekannt genug. Die Uebereinstimmung, welche dagegen in den