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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.
daran zu denken, durch einfache Ermittlung einer Wahrscheinlichkeits-zahl einen Hang zum Verbrechen zu entdecken, der als wirklicherFaktor menschlicher Handlungen eine psychologische Bedeutung hätte.Man hat nun aber den Hang zum Verbrechen, die Neigung zumSelbstmord, den Trieb zur Ehe und andre solche statistische Be-griffe nur zu oft wörtlich verstanden und aus der merkwürdigenRegelmässigkeit der jährlich wiederkehrenden Zahlen einen Fatalismusabgeleitet, der mindestens eben so sonderbar ist, als der VersuchQudtelet’s, die Willensfreiheit neben der allgemeinen Gesetzmässigkeitzu retten. Qu ete 1 et lässt nämlich den freien Willen, d. h. natürlichden freien Willen nach der französisch-belgischen Schul-Ueberlieferung,innerhalb der grossen Kreise erwiesener Gesetzmässigkeit noch alsaccidentelle Ursache gelten, deren Wirkung, bald positiv, baldnegativ eingreifend, sich nach dem Gesetz der grossen Zahlen neutra-lisirt. Es ist ja keinem Zweifel unterworfen, dass es solche indi-viduelle Willensimpulse giebt, welche bald dahin wirken, demJahres-Budget der gewollten Handlungen eine Einheit hinzuzufiigen,bald ihm eine zu entziehen, während die Durchschnittsziffer schliesslichbesser stimmt, als eine östreichische Finanzrechnung. Wenn nunaber der Durchschnittswille, der zugleich die grosse Masse aller ein-zelnen Willensimpulse annähernd vertritt, durch die Einflüsse vonAlter, Geschlecht, Klima, Nahrung, Arbeitsweise u. s. w. natur-historisch bestimmt ist, würde man dann nicht auf jedem andernGebiete schliessen, dass auch die individuelle Regung naturhistorischbedingt ist? Würde man nicht voraussetzen, dass sie sich zu demDurchschnittsergebniss nur so verhält, wie z. B. die Regenmengedes 1. Mai oder irgend eines andern Kalendertages zur durchschnitt-lichen Regenmenge des Jahres? In der That ist denn auch, vondem scholastischen Vorurtheile abgesehen, nicht der leiseste Grundvorhanden, für jene individuellen Schwankungen neben den zahlreichenaccidentellen Ursachen, die wir naturhistorisch verfolgen können, nocheine besondere anzunehmen, welche das Eigenthtimliche hat, dass sieauf sehr enge Grenzen der Wirkung eingeschränkt, jedoch innerhalbderselben von der allgemeinen Causalverbindung der Dinge un-abhängig ist. Es ist dies eine ganz überflüssige und in derThat unnütz störende Annahme, auf die kein Vernünftiger, ge-schweige denn ein Quetelet verfallen würde, •wenn er nicht inden überlieferten Vorurtheilen einer modern zugestuzten Scholastikaufgewachsen wäre.