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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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515
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Der ethische Materialismus und die Religion.

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eine solche Rücksicht auf das grosse Ganze ja gar kein Egoismussei, sondern das Gegentheil; allein dieser Einwurf ist eben so leichtwieder zurückzuwerfen.

Ist nämlich der Lehrsatz von der Harmonie der Sonderinteressenwahr; ist es richtig, dass das beste Resultat für die Gesammtheitsich ergiebt, wenn jeder Einzelne am ungestörtesten für sich selbstsorgt: dann ist es auch ferner unvermeidlich wahr, dass es am Vor-theilhaftesten ist, wenn Jeder seine Interessen verfolgt, ohne mit un-nützen Reflexionen Zeit zu verlieren. Der naive Egoist befindet sichim Stande der Unschuld und thut unbewusst das Rechte; die Sym-pathie ist der moralische Sündenfall, und wer sich erst an das Ge-triebe des grossen Ganzen erinnern muss, um zu derselben Tugendzurückzukehren, die ein roher Spekulant in Einfalt ausübt, der kommtnur auf einem mit Nothwendigkeit in der menschlichen Natur be-gründeten Umwege wieder dahin zurück, von wo die Kindheit derMenschheit ausging. Auf diesem Wege mag sich der Egoismus ge-läutert, gemildert, aufgeklärt haben; er mag richtigere Mittel gelernthaben, das eigne Wohl zu befördern, aber sein Princip, sein Wesenist wieder das ursprüngliche.

Die Fragen, ob die Dogmatik des Egoismus die Wahrheit lehrtund ob die Volkswirthschaft auf dem richtigen Wege ist mit der ein-seitigen Fortbildung der Freihandelslehre, entscheiden sich beidean der Frage, ob die Idee von der natürlichen Harmonie der In-teressen ein Hirngespinnst ist, oder nicht; denn die extremen Frei-handels-Theoretiker haben keinen Anstand genommen, ihre Lehre aufden obersten Grundsatz des Laissez faire zu begründen. DiesenGrundsatz aber haben sie nicht etwa nur als eine Maxime der Noth-welir gegen schlechte Regierungsweise hingestellt, sondern als noth-wendige Folge aus dem Dogma, dass die Summe aller Interessen ambesten besorgt wird, wenn jeder Einzelne für sich selbst sorgt. Istdieses Dogma einmal so tief eingewurzelt, dass es die entgegenste-henden Erwägungen überwiegt, so darf man sich nicht mehr wundern,wenn hier der Name „Nation“ als ein leerer Begrilf der Grammatikbezeichnet und der Schutz des Seehandels durch Kriegsschiffe ver-worfen wird (Cooper, 182G), während dort die blutigen Eroberun-gen eines Abenteurers nur als eine besonders schwierige und daherbesonders lohnbringende Arbeit betrachtet werden (Max Wirth).Beides stammt aus derselben Quelle: aus der rein atomistischen Auf-fassung der Gesellschaft, bei Welcher alle gewöhnlich sittlich genann-

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