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Zweites Buch. Dritter Abschnitt.
kreuzt erscheinen lassen; wenn sie aber gar nicht mehr idealisirteu,so wären sie keine Künstler mehr. Das Auge der Liebe dichtet, dieSehnsucht des Herzens dichtet, die wehmüthige Erinnerung und dasfreudige Wiedersehen, alle Atfekte und Sinnesthätigkeiten dichten, undwenn man diese Dichtung gänzlich hinwegnehmen könnte, so ist dieFrage, ob noch etwas da wäre, was das Leben werth machte, gelebtzu werden. So ist denn nun auch die ganze Naturauffassung Uhlich’s— ein unentbehrlicher Tlieil seiner Religion — nichts weiter als einGedicht. „Es ist meine wahre und wirkliche Empfindung,“ sagtÜblich, „wenn ich mich auf eine Blume betrachtend niederbücke, dassmir daraus die Gottheit entgegenblickt und entgegenduftet.“ Ja wohl,es ist aber auch die wahre und wirkliche Empfindung des Gläubigen,wenn er im Gebet die Nähe seines Gottes fühlt und weiss, dass ererhört ist. Mau kann ihm die äussere Quelle der Empfindung ab-streiten, aber nie die Empfindung selbst. Wenn ich aber in der Naturbei dem Anblick des Schönen und vergleichsweise Vollkommnen weile,um mich zu erbauen, so mache ich mir die Natur selbst zu meiner
Idee des Guten und Schönen. Ich übersehe den dürren Fleck auf
dem Blumenkelch und den Raupenfrass aii den Blättern, und wenneine Blume in meinem Garten wächst, die unangenehm duftet, so be-nutze ich sie nicht, um auch den Teufel ein wenig anzubeten, son-dern ich reisse sie aus und werfe sie an eine andre Stelle der
Natur, die mir zu meinen erbaulichen Betrachtungen noch wenigerdienen kann.
Es liegt an mir, ob ich in der Natur vorwiegend das Unvoll-kommne sehe oder das Vollkommne, ob ich meine Idee des Schönenin sie hineiutrage und sie dann tausendfältig zurückbekomme, oderob mir überall die Spuren der Verwesung, der Verkümmerung, desVernichtungskampfes entgegeutreten. Und wenn ich dann den Wechselvon Leben und Sterben, von schwellender Fülle und jähem Untergangins Auge fasse, so bin ich beim Ursprung des Diouysos-Cultus an-gelangt, und mit einem Blick auf den Contrast zwischen dem höchstenIdeal und allem Lebendigen gerathe ich mitten in die Erlösungsbe-dürftigkeit.
Diese Andeutung soll natürlich nicht zeigen, dass die Erbauungim Sinne der freien Gemeinden schlechthin verwerflich sei, sondernnur, dass sie den Vorzug unbedingter Wahrheit den andern Formender Erbauung gegenüber nicht in Anspruch nehmen kann. Es handeltsich um ein Mehr oder Weniger von Wahrheit und Dichtung, und