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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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549
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Der ethische Materialismus und die Religion. 54 *.)

arbeiten; dass an der Stelle, wo wir jetzt uns abmülien und zertre-ten werden, und — was schlimmer ist als das — gröblich irren undfehlen, einst ein Geschlecht blühen wird, welches immer darf, wases will, weil es nichts will, als Gutes; — indess wir in höhern Re-gionen uns unsrer Nachkommenschaft freuen, und unter ihren Tu-genden jeden Keim ausgewachsen wiederfinden, den wir in sie legten,und ihn für den unsrigen erkennen. Begeistre uns, Aussicht auf dieseZeit, zum Gefühl unsrer Würde, und zeige uns dieselbe wenigstensin unsern Anlagen, wenn auch unser gegenwärtiger Zustand ihrwiderspricht. Geuss Kühnheit und hohen Enthusiasmus auf unsreUnternehmungen, und würden wir darüber zerknirscht, so erquicke— indess der erste Gedanke: ich that meine Pflicht, uns erhält —erquicke uns der zweite Gedanke: kein Samenkorn, das ich streute,geht in der sittlichen Welt verloren; ich werde am Tage der Gar-ben die Früchte desselben erblicken, und mir von ihnen unsterblicheKränze winden.“

Die poetische Erhebung, in welcher Fichte diese Worte nieder-schrieb, erfasste ihn nicht bei Gelegenheit einer verschwommenenreligiösen Betrachtung, sondern im Hinblick auf Kant und — diefranzösische Revolution. So eng war bei ihm Leben und Lehreverschmolzen, und während das Wort des Lebens von den Miethlin-gen der Kirche zum Dienst des Todes, der Unwissenheit, des Für-sten dieser Welt verkehrt wurde, erhob sich in ihm der Geist desDurchbrechers aller Bande und bekannte laut, dass der Umsturz desBestehenden in Frankreich doch wenigstens etwas Besseres hervor-gebracht habe, als die despotischen Verfassungen, die auf die Herab-würdigung der Menschheit ausgehen.

Es ist merkwürdig, wie sich bei näherer Betrachtung die An-sichten und Bestrebungen der Menschen oft so ganz anders gruppiren,als es gemeinhin erscheinen will. Es ist ein trivialer Satz, dass dieExtreme sich berühren, aber dieser Satz trifft bei weitem nicht immerzu. Niemals, nie wird der entschlossene Freidenker eine Sympathieempfinden können mit dem starren Kirchenregiment und dem todtenBuchstabenglauben; wohl aber mit der prophetenhaften Erhebungeines Frommen, in dem das Wort Fleisch geworden ist, und derZeugniss ablegt von dem Geist, der ihn ergriffen hat. Niemals wirdder aufgeklärte Dogmatiker des Egoismus Sympathie empfinden mitden Stillen im Lande, die im ärmlichen Kämmerlein auf ihren Knieenein Reich suchen, das nicht von dieser Welt ist; wohl aber mit dem