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Geschichte des modernen Dramas in Umrissen / von Alfred Klaar
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146
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Von den vier genannten, großartig angelegten Charakteri-stikern hat Hebbel den merkwürdigsten Entwicklungsgang. Erübertreibt die Richtung in seinem Jugendwerkedie Judith", erführt sie zur reifsten Entwicklung in der sozialen TragödieMaria Magdalcna", die in die mittlere Zeit seines Schaffensfällt und er sucht sie mit der klassischen zu versöhnen in seinemletzten Meisterwerk, in der Trilogie:die Nibelungen". Nähernwir uns noch einmal derJudith" (1841) und der großartigdramatisch bearbeiteten Nibelungensage, so fassen wir gleichsam dieEntwicklung des genialen Mannes an beiden Endpunkten an. Schonbewährt sich in derJudith" der geniale Blick für das Bezeich-nende und Treffende; aber nicht zufrieden damit, das Charak-teristische durch Konzentrierung ins schärfste Licht zu setzen, ge-fiel er sich darin, den einzelnen Zug ins Unnatürliche zu über-treiben, und zerstörte oft durch diese nur scheinbare Steigerungdie ganze Wirkung. Dazu kam, daß der Grübler in ihm denPoeten beängstigte und bedrückte. Es genügte ihm nicht, dieAusstrahlungen eines Charakterbildes in einem Brennpunkte zu-sammenzufassen, sondern er forschte auch ängstlich nach jenemunbekannten Lichtkörper, von dem der Charakter selbst die Be-leuchtung erhalten. Seine Charaktere ruhen in den Jugend-Dramen nicht in sich, sondern suchen hinter sich zu kommen undverflüchtigen den schönen Duft der Unmittelbarkeit, der auf dennaiven Regungen der Persönlichkeit liegt, durch die chemischenUntersuchungen ihres eigenen Wesens. So wird der Charakteri-stiker Hebbel unbewußt wiederum zum Rcflexionspoeten, und dieGestalten, die der Künstler plastisch hinzustellen versteht, werdenvom Philosophen ausgehöhlt. Dieser Drang, hinter dem mensch-lichen Problem ein zweites außermenschliches zu suchen und unsdie Bühne zu bringen, führt endlich auch zum Mystischen, zumDunkel-Verworrenen, das bei Hebbel in so wunderlichem Kontrasteneben dem Überdeutlichen und Scharfmotivierten erscheint. HebbeKerstes BühnenwerkJudith" prägt die Eigenart des Dich-ters nach dieser Richtung am stärksten aus: es ist von Blitze«