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Menschenleben, und wäre es auch das niedrigste, als ein Experi-mentir-Objekt zu betrachten, an dessen Todesqualen ein Königgeistig gesundet, uns immer wieder anfröstelt und beleidigt. UnserGefühl kann darüber nicht hinaus, daß jede Hingabe zweierMenschen aneinander beiderseitige Pflichten erzeugt und daß selbstein Individuum, an dessen Schicksal das Heil eines ganzenReiches hängt, sich von der Verantwortung gegenüber dem ethischhaltlosesten Geschöpfe, wo es Leben und Tod gilt, nicht gleich-giltig lossagen kann. So kaun der psychologisch-richtige Ausgangdes Stückes nicht auch für einen dramatisch befriedigenden gelten,und das interessante Problem, das auch in der scenischen Dar-stellung mächtig anzieht, wird in seiner Lösung immer erkältendwirken. Ungemeiu reich ist der Gedanken- und Charaktergehaltdes Stückes. Die Individualisierung der Figuren, namentlichdie des liebesunerfahrenen Königs zieht mächtig an. Auch dieJüdin, ganz kecke, in sich befriedigte, berauschte und berauschendeSinnlichkeit, unschuldigschuldig, weil dem berückend Weiblichen hieralles moralische Bewußtsein fehlt, ist einer der merkwürdigstenFrauencharaktere unserer dramatischen Litteratur. Freilich ist sie,beiläufig bemerkt, als Jüdin ebenso, wie die ganze Darstellungdes jüdischen Familienlebens nur ganz allgemein im Sinne desExotischen zu fassen, das sich dem eingeborenen, Konservativ-Tüch-tigen gegenüberstellt. Von einer historisch richtigen Darstellungdes jüdischen Wesens ist hier ebenso wie im „Kaufmann vonVenedig" keine Rede. Individuell interessant, sind die im Stückeauftretenden jüdischen Gestalten generell ganz verzeichnet.
In dem sagenhaften Schauspiele „Libussa", einem der letztenWerke Grillparzers, ist es der in mystisches Dunkel, getauchteWerdeprozeß des Staates und der Gesellschaft, der den Denkerund den Dichter anzieht und beschäftigt. Ähnlich wie Shakespeareim „Sturm", wie Goethe im zweiten Teile des „Faust", Wohl auchm einigen Scenen des Prometheus, befriedigt hier Grillparzerdas Bedürfnis der konstruktiven Phantasie, auf den Grund allerKultur zu blicken. An die persönlichen Schicksale sind hier Prin-
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