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Geschichte des modernen Dramas in Umrissen / von Alfred Klaar
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genommen hatte. So ganz Patriotismus und so ganz Feindder patriotischen Phrase, so ganz Liebe und so gar nicht Servi-lismus, so ganz Treue und so gar nicht Schmeichelei hat seitShakespeare kein Dichter ein regierendes Geschlecht auf die Bühnegebracht. Ganz nach Shakespeares Art ordnet sich hier auch derdramatische Gedanke, was die Aktion anlangt, dem geschichtlichenunter, ganz in derselben Art ruht das Schwergewicht der Wir-kung auf den in ihrer nationalen, familiären und individuellenBesonderheit plastisch dargestellten Charakteren. Alle glücklichenund verderblichen Traditionen, die Jahrhunderte lang herrschtenund in der Herrschaft einander bekämpften, erscheinen da verkörpertund in jeder ihrer Äußerungen beseelt. Ferdinand, der hohl-äugige Fanatismus, Maximilian, die gutmütige, launige Bequem-lichkeitsliebe, Mathias, der energielose Sanguinismus, Khlesel, diestaatsmännisch-schlaue, klerikale Herrschbegier, Leutpold, das erreg-bare, treue und redliche Gemüt. Und über all diesem schwebt derGeist des Kaisers, der Geist der Milde, der Weisheit und weh-mütigen Resignation. Nicht als ein großer Fürst im Sinne derGeschichte stellt sich dieser erhabene Sonderling dar, Wohl aberals ein großer Mensch im höchsten Sinne der Moral. Zu weichfür eine rauhe Zeit, zu edel für den Jnteressenkampf, zu ver-söhnlich für die Kampfeslust der Widersacher, zu philanthropischfür den barbarischen Brauch des Krieges, zu weise für die Klug-heit, die im Augenblicke Recht behalt, ist Grillparzers Rudolfgezwungen, der wilden Bewegung, die er glaubte mit Gedankenmeistern zu können, und die nur eine eiserne Faust niederzuhaltenvermocht hätte, das Feld zu räumen; aber seine Resignation istder höchste moralische Sieg, und der ideale Gehalt seines Wesenskündigt sich als ein unsterblicher an. Alles, was ein großerMensch, sei er Monarch oder hege er auch nur die majestätischeAbsicht, sich selbst in allen Menschheitsfragen zu einem bewußtenZiele zu leiten, im Gemüte erwägen kann, tönt uns aus demGedankenleben dieses Grillparzerschen Rudolf entgegen. DieFragen der Religion, der Monarchie, der Erblichkeit, des Sozia-

Klaar, Das moderne Drama. 13