195
sein eigenes Schicksal. Er ist kein lauter König, berufen überThoren zu herrschen, aber ein stiller Weiser, berufen über Königezu richten.
Ein drittes historisches Stück Grillparzers, das seinen Stoffaus der österreichisch-ungarischen Geschichte schöpft, „Ein treuerDiener seines Herrn" (1830), zeigt den Dichter kaum auf dervollen Höhe seines Schaffens. Es war für eine kaiserliche Ver-mählung geschrieben, wurde aber für diese Gelegenheit nichtpassend gefunden und kam später ohne diese Veranlassung mitgroßem Erfolge zur Aufführung. Grillparzer selbst sagt, „dasStück habe ihm kein innerliches Bedürfnis befriedigt." DerStoff ist auch außerordentlich spröde. Die unerschütterlicheDiensttreue wird hier bis zur Tragik gesteigert. Diese formellePflichttreue, die jede menschliche Regung besiegt, selbst die Ent-rüstung über grelles Unrecht niederhält, selbst durch eine Art vonEntehrung sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen läßt, hatzweifellos einen heroischen Zug, aber sie erweckt mehr kalte Be-wunderung in uns, als daß sie an unsere Herzensnerven rührteund in der Empfindung uns mit sich fortrisse. Das Trauerspielist übrigens vortrefflich komponiert und die Charakteristik hat echtGrillparzersches Gepräge — es wirkt immer wieder unmittelbardurch seine dramatische Kraft, wenn es auf der Bühne auftaucht,und kann sich um seines verletzenden, spröden Problems willendoch immer wieder nicht auf die Dauer behaupten. Das Stückhat das wunderlichste Schicksal erlebt. Radikale Schreier, dienicht zu denken liebten, haben es für eine Verherrlichung desServilismus ausgegeben, während es doch thatsächlich (und diesbeiläufig bemerkt nach Grillparzers eigenen Worten) den Herois-mus der Pflichttreue darstellt, der in einem Dienstverhältniszwar minder sympathisch für unsere Empfindung, aber mit der-selben ethischen Berechtigung, wie in jeder anderen menschlichenBeziehung sich erhärten kann. Auf der anderen Seite war dieRegierung mit dem Stück übel zufrieden. Kaiser Franz äußerte, essei ihm so lieb, daß er es ganz für sich behalten und dem Publi-
13 *