Band 
Vierter Versuch [Textband]
Seite
39
JPEG-Download
 

Zweytes Fragment.

Physiognomik und Pathognomik.

Physiognomik, im eingeschränkten Sinne des Wortes, ist Kraftdeutung, oder Wissenschaftder Zeichen der Kräfte.

Pathognomik, Leidenfchaftsdeutung, oder Wissenschaft der Zeichen der Leiden-schaften. Jene zeigt den stehenden diese den bewegten Charakter.

Der stehende Charakter liegt in der Form der festen , und in der Ruhe der bewegli-chen Theile. Der leidenschaftliche in der Bewegung der beweglichen. Die Bewegungist, wie die bewegende Kraft. Die Leidenschaft hat ein bestimmtes Verhältniß zu der Leidenschaft-lichkeit, oder Elastizität des Menschen.

Physiognomik zeigt die Summe der Capitalkraft Pathognomik das Inter-esse, das jene abwirft. Jene, was der Mensch überhaupt ist; diese, was er in dem gegenwärti-gen Moment ist. Jene, was er werden und nicht werden, seyn und nicht seyn kann; diese,was er seyn will und nicht seyn will.

Die erstere ist die Wurzel und der Stamm der andern; der Boden, worauf die anderegepflanzt ist. Wer die letztere ohne die erstere glaubt, glaubt Früchte ohne Stamm, Getraideohne Boden...

Physiognomik ist der Spiegel der Naturforscher und Weisen. Pathognomik der Spie-gel der Hosund Weltleute. Alle Welt liefet pathognomisch sehr wenige lesen physiognonusch.

Pathognomik hat mit der Verstellungskunst zu kämpfen; nicht so die Physiognomik.

Physiognomik warnt uns, einen Menschen, der zo. per Cent giebt, nicht für reich, und ei-nen, der nicht i. per Cent geben kann, nicht für arm zu halten. Das heißt pathognomisch kanneiner reich scheine»:, der arm ist; physiognomisth ist uns nur der reich, der es ist, ob erbleich geradeitzt arm scheint.

Für den Freund der Wahrheit sind beyde Wissenschaften unzertrennlich. Er studiert beyde,und gelangt dazu die Physiognomie der feste»» und unbewegten Theile in den weichen und be-wegte»» und die Weichheit und Beweglichkeit der weichen und bewegliche»» in den festen zu sehen.Er bestimmt jedem Stirnbogen seinen leidenschaftlichen Spielraum und jeder Leidenschaft denStirnbogen ihrer Residenz, oder die Potenz, aus der sie sich ergießt; ihre Wurzel, ihren Capitalfond.Durch alle Bande, und beynah anfallen Seiten dieses Werkes hab' ich mich bemühet, meine»» Le-sern mehr Physiognomik als Pathognomik zu geben, weil die letztere viel bearbeiteter ist, als dieerstere.

Drittes