6o
I. Abschnitt. V. Fragment.
Fünftes Fragment.
Vom Einflüsse der Physiognomien auf Physiognomien.
o wie die Gebärden unserer Freunde und Hausgenossen oft in unsere eigne Gebärden über-gehen; so auch die Mienen! Alles, was wir lieben, vereinigen wir gewissermaßen mit uns selbst;und was uns, im Kreise unserer Geliebtheit, nicht in sich verwandelt, das verwandeln wir so vielmöglich in uns selbst.
Alles außer uns wirkt auf uns, und wir wirken auf alles. Aber nichts wirkt auf uns,wie das, was wir lieben — und unter allem Geliebten nichts, wie das Altgesicht eines Menschen.Eben das, was es uns liebenswürdig erscheinen laßt, ist seine Convenienz mit dem unsrigeu. Wiekönnt' es auf uns wirken? wie uns anziehen, ohne Anziehungspunkte, die mit gewissen erkennbarenoder unerkennbaren Formen und Zügen unsers Gesichtes ähnlich, wenigstens gleichartig sind.
Ohne jedoch weiter in das undurchdringliche Geheimniß eindringen — oder das unerforsch-liche wie bestimmen zu wollen — das Faktum ist gewiß: Gesichter ziehen Gesichter an; —so wie Gesichter Gesichter zurückstoßen. Das Faktum ist gewiß — die Achnliehkeit der Ge-sichtszüge zweener sich sympathisch liebender Menschen schreitet mit der Entwickelung und wechselsei-tigen Mittheilung ihrer eigensten, individuellesten Empfindungen fort. Auf unserm Angesichtsbleibt, wenn ich so sagen darf, der Widerschein von dem holden Angeflehte des Geliebten.
Oft beruhet die Aehnlichkeit nur auf Einem Punkte — im Charakter der Seele und in derPhysiognomie.
Aehnlichkeit des Knochenbaues setzt auch Aehnlichkeit der Nerven und Muskeln voraus. —
Ungleiche Erziehung kann auf die letzten; so wirken — daß für unphysiognomische Allgendie Anziehungspunkte verloren gehen — Laßt sie sich nähern diese zwo ähnlichen Grundformen, zu-rückstoße,; und anziehen werden sie sich wechfclsweife. Bald aber, wenn keine fremde Gegenständesich zwischen sie drängen, wird die Natur siegen; sie werden einander erkennen und sich freuen desFleisches von ihrem Fleische, und des Gebeines von ihren Gebeinen — und mit schnellen Schrit-ten wird ihre Verähnlichung fortschreiten. Aber auch solche Gesichter, deren Grundformen von
einan-