der Schweiz nicht nur ganz verschwanden, sondern eben dieser selbst, wenigstensvom Standpunkte des Malthusianismus, theilweise als sehr empfelilenswerth galt.
Derselbe Widerspruch der Ansichten hat sich auch in unserm Jahrhundertwieder geltend gemacht, wie denn kein Geringerer als Jean-Baptiste Say währendder zwölf Jahre vom zweiten Pariser Frieden bis 1827, wohl weil er die Be-völkerung von 1815 zu gering annahm, eine Volkszunahme von 500,000 Seelen,also von 30%, 9 und andere Franzosen auch später noch eine jährliche Zunahmevon 3 % annahmen, 10 während, wie sich denn die Extreme oft berühren, balddarauf Schmutziger, unter dem Eindrücke der Erschlaffung schreibend, an dereinige Zweige der schweizerischen Nationalindustrie zu leiden schienen, behauptete,die Bevölkerung der Schweiz stehe seit 50 Jahren gleichsam still. 11
2. Doch mag dieser Widerspruch weniger von gründlichem Studium derschweizerischen Bevölkerungsverhältnisse als vielmehr von den heterogenen-An-schauungen über den Werth der Bevölkerungszunahme herrühren, die im vorigenJahrhundert besonders, die Gelehrten trennten.
Wenn Luther und Bodinus lebhaft eine rasche Volks Vermehrung wünschten,so empfanden dagegen englische Nationalökonomen zu Ende des 16. und zu Anfangdes 17. Jahrhunderts, so Raleigh und Bacon, die lebhafteste Besorgniss vor Ueber-völkerung, welcher Gefahr sie vorzüglich durch ihre Colonisationsprojecte entgegen-arbeiten wollten. Dieselbe Schwankung fand auch im 18. Jahrhundert zwischen denMercantilisten und den Physiokraten statt. Während seit Colbert die meisten Mer-cantilisten der Ansicht huldigten, dass die Kraft und die Grundlage des Volk-reichthums in einer starken Bevölkerung überhaupt zu suchen, also auch die Be-förderung ihres Wachsthums eine staatliche Aufgabe sei, so John Law, Mortimer,Steuart, Forbonnais, waren die Physiokraten Gegner einer allzuraschen Volks-vermehrung und bereiteten schon die Lehre des Malthus vor. So Mirabeau, Herbert,die schon geradezu die Masse der Subsistenzmittel als Maass der Bevölkerungbezeichnen, Filangieri, Ricci, besonders aber Ortes, welcher behauptet, dass dieBevölkerung von dem Maasse der Subsistenzmitiel abhange, dass bei den Menschendie Volksvermehrung ebenso wie bei den Thieren in geometrischer Progressionstattfinde, und bei den letztem die Gewalt der gegenseitigen Vernichtung, beijenen die Vernunft der grenzenlosen Vermehrung Schranken setze, während späterneuerdings Sonnenfels als Hauptprincip aufstellte, dass Macht und Wohlfahrt derStaaten von einer möglichst grossen Bevölkerung bedingt sei, eine Ansicht, dieauch Adam Smith getheilt zu haben scheint. 12
3. Mitten in diesem theoretischen Kampfe stellte die bernische ökonomischeGesellschaft, welche 1759 von Johann Rudolf Tschilfeli gegründet und von denBrüdern Tscharner sehr gefördert worden war, welche überhaupt durch Preis-schriften , Prämien und Einführung neuer Betriebsmethoden anregend wirkte, durch
9 Revue encyclopedique, T. XXXIX p. 88. — 10 Journal de la societe de statistique
universelle 1838. — 11 Statistique agricole et industrielle, commercielle et douaniere de
la Suisse, comparee avec la France et l’Angleterre. Fribourg 1843. — 12 Kautz, die
geschichtliche Entwickelung der Nationalökonomik und ihre Literatur. Wien 1858. Roscher,System der Nationalökonomie, 1 529 ff.