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Die Bevölkerungsstatistik der schweizerischen Eidgenossenschaft und ihrer Kantone, unter steter Vergleichung mit den analogen Verhältnissen anderer Staaten : ein Beitrag zur Kenntniss der physischen und socialen Zustände der Schweiz / nach offiziellen Daten für Aerzte, Beamte, Geistliche u.s.w. bearbeitet von Dr. Wilhelm Gisi
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157
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auf die legitimen Ehen, und dass, weil die Factoren der Fruchtbarkeit wesentlichphysischer Natur sind, indem die Umstände, welche den Menschen kräftigen, z. B.bessere Ernährung, auch seine Fruchtbarkeit erhöhen und umgekehrt, sie auch aufdie Fruchtbarkeit aller ausserehelichen Verbindungen in derselben Weise wirkenmüssen, erklären wir uns unser Resultat daraus: dass in Zeiten materieller Nothweniger Ehen eingegangen werden, diese Verminderung aber bei dem nun ein-mal der menschlichen Natur innewohnenden Fortpflanzungstrieb sich durch eineSteigerung der ausserehelichen Fruchtbarkeit compensirt. Wohingegen Wappäusglaubt, dass die Steigerung dieser in Zeiten des materiellen Wohlergehens, welchedie eheliche Fruchtbarkeit befördern, mit dadurch veranlasst wird, dass jene denMenschen leicht zum Leichtsinn verleiten, während Entbehrungen ihn in heilsameZucht nehmen. Und eben hiernach werden denn auch die Ansichten selbst überden relativen Werth der unehelichen Geburtenfrequenz als Maassstab zur Be-urtheilung der socialen Zustände verschieden sein.

Dieselbe Erscheinung, wie in der Schweiz, welche Horn 16 auch für Belgienconstatirt hat, ist aber um so interessanter, als in den meisten andern, besondersIndustriestaaten, zumal in Böhmen und Sachsen, wo das Heirathsalter gering unddie Heirathsfrequenz sehr gross, die illegitime Geburtenfrequenz viel härter vonNothständen berührt wird, als die eheliche. Wir erklären uns diesen Widerspruchauf folgende Weise: Die relativ sehr geringe Zahl von Unehelichen ist in derSchweiz vorwiegend das Ergebniss socialer und ökonomischer Zustände, die vieleJünglinge und Mädchen nicht zur Ehe kommen lassen und sie so gewissermaassenzwingen, dem Sinnentrieb in unerlaubter Weise sich hinzugeben, während in jenenbeiden Ländern gerade das Umgekehrte staltfindet und also die dort sehr bedeutendeUnehelichenfrequenz vorherrschend die Folge des Leichtsinns und der Unsittlichkeitist. Jene traurige „Nothwendigkeil“, wie sie in der Schweiz und Belgien besteht,wurde durch die Notbjahre nicht beseitigt, sondern da die Heirathsfrequenz sichnoch sehr minderte, eher vermehrt, während in Böhmen und Sachsen die Zahlder Unehelichen, weil sie hier nicht Nothwendigkeit, sondern Luxus war, weil siedem Leichtsinne mehr als dem Bedürfniss entstammte, rasch sank.

6. Unverkennbar nun tritt die Thatsache, dass die uneheliche Geburtenzifferder Heirathsfrequenz umgekehrt proportional sei, dass also mit dem Steigen dieserjene sinke und umgekehrt, auch in den schweizerischen Kantonen hervor, wofürwir auf die Tabelle auf S. 154 verweisen, aus der sich eine, zumal bei den Ex-tremen, ausserordentlich nahe Uebereinstimmung zwischen der Scala nach derHeirathsfrequenz und derjenigen nach der Proportion der Unehelichen zu sämmt-lichen Geburten ergibt, welche einzig bei Ob- und Nidwalden, Zug, Bern undSchaffhausen nicht zutrifft, und zwar aus dem Grunde, weil in diesen Kantonendas Verhältniss der ledigen gebärfähigen Frauenzimmer zur Gesammtbevölkerungam meisten von demjenigen der übrigen Kantone abweicht, indem in Bern undSchaffhausen dasselbe sehr klein, in den drei andern sehr gross ist. Ohne Zweifelwürde eine weniger rigorose Einsprache von Seiten der Gemeinden, der Kircheund des Staates in den Kantonen Lucern, Solothurn und Freiburg, wo die Zahl

16 Neunzehnter Brief S. 281.