könnte. Wagt etwa eine einzige deutſche Eiſenbahnverwaltung vonſich das Gleiche zu behaupten?! Wagt eine Eiſenbahnverwaltung zuſagen, daſſ ihr jetziger Tarif der denkbar billigſte ſei, den ſie ohneEinnahmeausfall fordern könntee! Das zu behaupten darf einedeutſche Eiſenbahnverwaltung um ſo weniger wagen, als keine jemalsauch nur einen nennenswerten Verſuch zu einerZandern Tarifirunggemacht hat!
Der zwingendſte Grund für die Notwendigkeit; der Reichseiſen-bahn, oder wie ich lieber ſagen möchte: der Eiſenbahneinheit-lichkeit, iſt und bleibt die Unmöglichkeit, auf anderem Wege irgendeine große Reform, namentlich auf dem Gebiet des Perſonenverkehrs,einzuführen. Dieſe Reform wäre die lohnendſte Frucht der Einheit-lichkeit. Sie würde zugleich mit einem Schlage eine ſo außerordent-liche Vereinfachung des Betriebes, namentlich des Rechnungsweſens,herbeiführen, daſſ die dadurch erzielten Erſparniſſe allein ſchon derVereinheitlichung das Wort reden müſſten.
Die weſentlichſte Erſparnis infolge der Vereinheitlichung wäre dieVerringerung des Betriebsmaterials. Der Laie macht ſich keinen Be-griff von der unerhörten Vergeudung, welche jetzt durch die Viel-
köpfigkeit der Eiſenbahnverwaltungen bewirkt wird;— wir habennämlich noch immer in Deutſchland 103 vollſtändig voneinander unabhängige Verwaltungen!— Die Güterwagen,
welche ja nicht in feſtliegenden Kurſen fahren, ſondern je nach Be-dürfnis hinausgeſchickt werden, kommen in unglaublich vielen Fällenleer zurück. Max Maria von Weber in ſeiner„Schule des Eiſen-bahnweſens“ gibt an, daſſ ein Güterwagen jährlich über-haupt nur 29 Tage fährt,— wie viele davon leer, wie viele voll,das vermag ich nicht zu ſagen. Ein deutſcher Perſonenwagenaber rollt im Jahr nur 15 Tage!
Da jeder Wagen einer fremden Verwaltung behufs Abrechnungdie ſorgfältigſte Buchung notwendig macht, ſo gibt es auf allenStationen Beamte, welche mit der Kontrole der„fremden“ Wagen be-traut ſind. Viele tauſende von Beamtenkräften werden für nützlichereBeſchäftigung an dem Tage entbehrlich, an welchem es keine„fremden“deutſchen Wagen mehr gibt. Dieſe ganze Wagenkontrole zum Zweckder Abrechnung, ſowie die Abrechnung ſelbſt, ſind volkswirtſchaftlichnatürlich tote Arbeit, nicht produktiver als das Zählen einesSackes voll Flöhe. Die ſächſiſche Staatsbahn allein unterhälteinen Kontrol⸗ und Abrechnungsdienſt an der Zentralſtelle von ca.90 Beamten mit Gehältern zwiſchen 1200 und 4500 M. Weizmann,gewiſſ ein tüchtiger Fachmann, hat in ſeiner Schrift„Zur Eiſenbahn-reform“ die Erſparnis durch Vereinheitlichung des Eiſen-bahnweſens ſchon für das Jahr 1875 berechnet auf: 1 800 000 M.für den Wegfall des Abrechnungsdienſtes; 2160 000 M. für denWegfall der Berechnung der„Wagenmiete“; 1 440 000 M. für den