Buch 
Der Zonentarif : neubearbeitete Volksausgabe der "Eisenbahnreform" / von Eduard Engel
Entstehung
Seite
36
JPEG-Download
 

36

zuprägen. Sie werden dann examinirt, indem man ihnen einigepraktiſche Fragen vorlegt, welche nur unter Anwendung jener Sätzebeantwortet werden können. Ich gehe jede Wette ein, daſſ die dreiDirektoren von je drei Fragen zwei falſch beantworten werden. VomPublikum aber, vom Thüringer Bäuerlein, von der preußiſch⸗ſächſiſchenWeberin, von all den Millionen harmloſer Reiſenden verlangt man dieKenntnis und Anwendung jener geiſtreich ausgeklügelten Beſtimmungen!

Und glaubt man etwa, daſſ die Mannigfaltigkeit der Tarife füreinfache oder Retourbillets, der Beſtimmungen über die Dauer undZulaſſung für die Zugarten, oder für die Ueberfracht bedingt wird durchdie verſchiedenen Bau⸗ oder Betriebskoſten der verſchiedenen Bahnen,daſſ alſo die teuerſt gebauten Bahnen etwa die teuerſten Einheitsſätzeund die härteſten Beſtimmungen haben, die billigſt gebauten Bahnen,die billigſten Sätze und mildeſten Beſtimmungen? Keine Idee! Aufdieſem Gebiet herrſcht die reine Willkür, die unveränderte Erbſchaftaus der Zeit der monopoliſirten Privatbahnen. Gerade die gewöhn-lichen Flachbahnen, welche nicht einen einzigen Tunnel, keine einzigeerhebliche Steigung, keine ungewöhnlichen Bauſchwierigkeiten oderteuren Bauten aufweiſen, haben die unverſchämteſten Tarife. DasEiſenbahngeſetz von 1838 und die jeder Bahn beſonders erteilteKonzeſſion geſtatteten den Privatbahnen, mit ihren Tarifen bis zugewiſſen Maximalgrenzen zu gehen. Einige haben das getan, undder Staat hat ſie gewähren laſſen müſſen. Auch die fetteſten Divi-denden haben die Verwaltungen gewiſſer Bahnen nicht dazu vermocht,von jenem Maximaltarif zurückzugehen: zugleich ein deutlicher Beweis,daſſ die ſogenanntenwohlverſtandenen Intereſſen der Privatbahnenkeineswegs zu einer zweckmäßigen Herabſetzung der Tarife geführthaben. Die Staatsbahnverwaltungen aber haben dieſenZuſtand meiſt ruhig weiter beſtehen laſſen.

Es giebt naive Seelen, welche ſich gegen die Reichseiſenbahnideeund für den Eiſenbahn⸗Rattenkönig einnehmen laſſen durch unbewieſene,aber allgemein geglaubte Redensarten wie die:Dank der Selb-ſtändigkeit der Bahnen reiſt man doch in Süddeutſchland billiger alsin Norddeutſchland. Dieſen Schwindel will ich an dieſer Stelleeinmal in ſeinem vollen Glanz aufdecken.

Obenan ſteht die Verſagung von Freigepäck auf den Bahnenvon Baden, Bagyern, Elſaſſ⸗Lothringen , Württemberg und auf derMain⸗Neckarbahn . Ich will hier nicht erörtern, ob die Gewährungvon Freigepäck oder die Verſagung das Gerechtere iſt. Aber zweifel-los ſtellt die Bezahlung jedes aufgegebenen Kilo für die davon Be-troffenen eine Belaſtung dar. Nun wird behauptet: das Gepäck muſſallerdings auf jenen Bahnen voll bezahlt werden, dafür ſind aberdie Fahrpreiſe niedriger. Zunächſt muſſ hervorgehoben werden: aufden ſämtlichen genannten Bahnen fehlt die billige IV. Klaſſe ganz;die ärmſten Teile der Bevölkerung reiſen alſo in Süddeutſchland von