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Der Zonentarif : neubearbeitete Volksausgabe der "Eisenbahnreform" / von Eduard Engel
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eine beſondere Vergünſtigung eigentlich keinen beſondern Rechtstitelgeltend machen können. Dagegen würden alle jetzt nicht begünſtigtenReiſenden eine ganz weſentliche Vergünſtigung erfahren. Und allesdas ohne Schädigung für die Eiſenbahnen, ja aller Wahrſcheinlichkeitnach zum Vorteil ihrer Kaſſen, denn die durch eine allgemeine Herab-ſetzung der Tarife auf 3,16 Pf. neubegünſtigten Reiſen würden ineinem ähnlichen Maße zunehmen, wie die Reiſen, welche jetzt mitvergünſtigten Tarifen gemacht werden. Aber das wäre ja einfach,und unſere Herren Eiſenbahnbüreaukraten lieben nur das Verwickelte.Herr von Maybach erklärte vor einiger Zeit im Preußiſchen Abgeordneten-hauſe, er ſeikein Freund der Buntſcheckigkeit der Billets; folglich iſt heute alles genau ſo buntſcheckig geblieben, wie früher.

Tatſächlich ſteht es ſchon jetzt ſo, daß von den 78% allerReiſenden, welche in der I. bis III. Klaſſe reiſen, ungefähr Drei-viertel vor jeder Reiſe einen großen, pfiffigen Schlachtplan entwerfen,wie ſie unter Ausnutzung der, im vollen Sinne des Wortes,Klaſſen-Tarifpolitik billiger fahren können, als der gewöhnliche Tarif esbedingt.

Der Unkundige hat keine rechte Ahnung von den kleinen Kriegs-liſten und Kniffen, welche dabei angewendet werden. Welche Studiendes Kursbuches, um bei einer Reiſe ein paar Mark zu erſparen.Das billigſte Billet zwiſchen zwei Fernſtationen iſt überhaupt noch nichtentdeckt, denn wer kennt alle Schliche, Ränke, Kniffe, Pfiffe derHerren Tariffachleute! Zwei Streckenbillets z. B. ſind meiſt billigerals ein direktes, Retourbillets meiſt billiger als kombinirbare;aber es gibt Ausnahmen und Unterausnahmen hiervon, die nichtder Tauſendſte kennt. Polniſche Wirtſchaft, um milde zu ſein.Daß bei den vielen Tauſenden von Billetſorten, die jede größere Stationfeilhält, keine wirkliche Kaſſenkontrole möglich iſt, habe ichvon fachkundigſter Seite erfahren; es iſt auch einleuchtend.

Der beſte Beweis aber, daſſ es ſo nicht länger fort-gehen kann, liegt in den kläglichen finanziellen Ergeb-niſſen der jetzigen Tarife. Man vergegenwärtige ſich folgendes:

Da iſt ein ungeheures induſtrielles Unternehmen, welches einemder unentbehrlichſten Kulturbedürfniſſe Befriedigung gewährt: dem desſchnellen Transportes. Das Unternehmen arbeitet nur mit ſofortigerBaarzahlung, oft Vorausbezahlung der Kunden; es iſt vollſtändig kon-kurrenzlos, denn kein anderes Transportmittel gewährt eine ſo ſchnelleBeförderung, wie die Eiſenbahn, ja auf den allermeiſten Linien hattatſächlich jede Konkurrenz anderer Transportmittel aufgehört, undder Reiſende, der vie Eiſenbahn nicht benutzen wollte, müſſte entwederzu Fuß gehen oder ſich ein Pferd oder einen Wagen mieten. DieBedingungen alſo liegen ſo günſtig für ein Eiſenbahnunternehmenwie nur möglich; der geſunde Menſchenverſtand und die gewöhnlichſte