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Minuten. Der Preis für dieſe Fahrt beträgt in der III. Klaſſe 1,309 M.Ein armer Teufel wird ſich zehnmal beſinnen, ob er in 5 bis5 ¼ Stunden dieſe Strecke zu Fuß laufen, oder ob er 130 M. füreine Zeiterſparnis von 4 Stunden opfern ſoll. 1310o M. bildet injener Gegend vielfach mehr als den Tagesverdienſt eines ländlichenArbeiters!— Ähnliche Verhältniſſe finden ſich auf ſehr vielen Eiſen-bahnen, zumal auf ſolchen, welche keine IV. Klaſſe führen. Diedeutſche Meile koſtet in der III. Klaſſe 30 bis 40 Pfg., und dieverzehrt der Arme lieber für die Notdurft ſeines Leibes, als daſſ erſie in 15 Minuten verfährt.
Wie hinderlich die jetzigen Perſonentarife für eine gründlicheBeſeitigung des Wohnungselends der ärmeren Bevölkerung iſt, weißjeder, der ſich mit dieſem Stück der ſozialen Frage auch nur vonweitem beſchäftigt hat. In Berlin ſind bis jetzt alle Beſtrebungen zueiner menſchenwürdigen Umgeſtaltung der wahrhaft gräſſlichen Wohnungsverhältniſſe der arbeitenden Bevölkerung an den Eiſenbahneinrichtungengeſcheitert; nicht nur an dem Tarif, ſondern auch an der wunder-lichen Gewöhnung der Verwaltung, Lokalzüge, Arbeiterzüge ſo langſamwie möglich fahren zu laſſen, während gerade dieſe Züge mehr alsirgend welche andern der größten Beſchleunigung bedürfen.
Überhaupt herrſcht für den Lokalverkehr, dieſe Goldgrube für dieGroßſtadt⸗Stationen, ein ſehr ſchwach entwickeltes Verſtändnis bei denVerwaltungen. Die Berlin⸗Potsdamer Eiſenbahn hat ſich ſeit ihrerBegründung durch eine beſondere Rückſichtsloſigkeit gegen das Publikumausgezeichnet: ein Billet III. Klaſſe nach Potsdam koſtet 1,0% M.,ein Retourbillet 1, M. und für gewiſſe Züge 1,29ã M., aber immermit der Beſchränkung, daſſ die Schnellzüge nicht benutzt werden dürfen,während gerade der immer mächtiger anſchwellende Vorortverkehr andersals mit Schnellzügen gar nicht mehr ordnungsmäßig bewältigt werdenkann. Von einer maſſenhaften Benutzung, zumal für ärmere Familienvon 3 bis 4 Köpfen, iſt natürlich bei einem Preiſe von 1, 8, M. oderſelbſt 1,9 M. pro Kopf gar keine Rede.
Dem gegenüber weiſt man in kurzſichtiger Art hin auf den vonJahr zu Jahr zunehmenden Vorortverkehr Berlins , zumal an Sonn-tagen. Man täuſche ſich doch nicht über dieſen„großartigen Verkehrin die Umgegend.“ Die Mittelklaſſen ſind es, welche den allergrößtenProzentſatz dieſes Verkehrs liefern. Die ärmſten Klaſſen der Berliner Bevölkerung, die, welchen ein Atemzug in freier, reiner Luft,der belebende, ſänftigende Anblick von etwas Beſſerem als derſticigen Steinwüſte Berlin am allermeiſten Not tut, beſitzen nicht dieMittel, um ſich mit ihrer Familie einen Ausflug in die Umgegendvon Berlin zu gönnen, der weiter geht als bis an den Saum desGrunewaldes.
So fährt denn ſeit zwei Menſchenaltern das eiſerne Roſſ durchdie Fluren, beladen mit einem winzigen lebenden, nützlichen Gewicht,