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Der Zonentarif : neubearbeitete Volksausgabe der "Eisenbahnreform" / von Eduard Engel
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60
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E

einmal zum Genuſſ der Naturſchönheiten ſteht die Zahl der zurück-gelegten Kilometer in irgend einem beſtimmenden Verhältnis. Abge-ſehen von dem wol unwahrſcheinlichen Fall, daſſ ein Arzt jemandemeine längere Reiſe auf der Eiſenbahn als Heilmittel empfohlen habe,läſſt ſich ſchlechterdings keine einzige Reiſe denken, deren Wert durchdie größere Entfernung und nur durch ſie wachſe.

Man könnte ſogar ſoweit gehen zu ſagen, daſſ der Wert jederReiſe bei ſonſt gleichen Bedingungen vermindert wird durch dieZahl der zurückzulegenden Kilometer. Ganz abgeſehen von dem Geld-aufwand, der unter allen Umſtänden mit der Entfernung(durch denVerzehr) wächſt, ſelbſt bei einem Einheitstarif, wächſt ja auch mit derEntfernung der Zeitaufwand.

Leider handelt es ſich nicht allein um die Intereſſen und An-ſichten der Reiſenden. Wol oder übel, wir müſſen auch demjenigeneiniges Recht zugeſtehen, ſeine Intereſſen wahrzunehmen, welcher unsdie Möglichkeit der Beförderung gewährt.Leiſtung und Gegen-leiſtung! muſſ allerdings der Wahlſpruch lauten, wenn wir gerechtund vernünftig tarifiren wollen.

Leiſtung und Gegenleiſtung! würde nun durchaus keinen Ent-fernungstarif verlangen, wenn wir unter Leiſtung den Fahrpreisund unter Gegenleiſtung die Fahrt verſtehen. Wir haben ja ebengeſehen, daſſ die GegenleiſtungFahrt an Wert nicht zunimmt mitder Entfernung, eher das Gegenteil. Eine Fahrt iſt ein einheitlichesDing, deſſen Wert bald dieſer, bald jener iſt. Dieſer Wert beginntüberhaupt erſt, nachdem die Fahrt zu Ende iſt; es kommt uns garnicht auf die Fahrt, ſondern auf den Zweck der Fahrt an. DieFahrt iſt nur ein Mittel, und meiſt ein ſehr unangenehmes Mittelzum Zweck.

Man kann aber auch unterLeiſtung und Gegenleiſtung ver-ſtehen: den Fahrpreis, den der Reiſende bezahlt, um die Gegenleiſtungder aufgewendeten Selbſtkoſten(einſchließlich des Geſchäftsgewinns)zu decken. Dieſen Standpunkt teile ich vollſtändig.

Welches ſind aber die Selbſtkoſten der Perſonenbeför-derung? Ich habe ſo ziemlich die ganze Litteratur über dieſe Fragedurchſtudirt, aber nirgends habe ich eine irgendwie deutliche Antwortzefunden. Da die Eiſenbahnen der Güterbeförderung und derMenſchenbeförderung zugleich dienen, und da auch die meiſten Be-amten in beiden Beförderungsgattungen beſchäftigt ſind, ſo läſſt ſichkeine genaue Rechnung über die Selbſtkoſten der Perſonenbeförderungaufmachen. Wollte alſo eine Eiſenbahnverwaltung etwa behaupten,der jetzige Perſonentarif entſpreche den Selbſtkoſten, ſo wäre daraufzu antworten: das iſt eine bewuſſte Unwahrheit, denn dieSelbſtkoſten kennſt du ja gar nicht.

Daſſ dieSelbſtkoſten⸗Geſchichte in Wahrheit nichts mit demPerſonentarif zu tun hat, geht ſchon daraus hervor, daſſ die Tarife