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Der Zonentarif : neubearbeitete Volksausgabe der "Eisenbahnreform" / von Eduard Engel
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62
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der Verwaltung und Zahl der von dem einzelnen Reiſenden zurück-gelegten Kilometer nicht entfernt die Rede.

Natürlich beruht dieſe ganze Ausführung auf der Annahme,daſſ dereinzelne Reiſende nicht einem andern einzelnen Reiſendenden Platz verſperrt. Man wendet gewöhnlich ein: der Reiſende,welcher mit einem BilletBerlm⸗Spandau in betrügeriſcher Abſichtbis Köln fährt, ſchädigt die Verwaltung dadurch, daſſ er einen andernhindert, von Berlin nach Köln zu faßren. Es gibt nämlich immernoch naive Gemüter, welche keine Vorſtellung davon haben, daſſ von100 Plätzen überhaupt im Durchſchnitt 76 und von 100 PlätzenI. Klaſſe 91 leer ſind. Es hat noch gute Wege damit, bis ein miteinem Billet Berlin⸗Spandau bis Köln Fahrender irgend einen andernverhindert, auch nach Köln zu fahren! Sucht ſich der Betrüger gareinen Platz in der I. Klaſſe aus, ſo hat er das beruhigende Bewuſſt-ſein, daſſ ſelbſt bei der Durchſchnittsbeſetzung der I. Klaſſe und fürden Fall, daſſ in dem Zuge im ganzen 30 Plätze I. Klaſſe ſich be-finden, noch immer 27 Plätze für jenen unglücklichen Reiſenden übrigbleiben, dem er angeblichden Platz wegnimmt!

Die rohe Tarifirung nach der Entfernung wäre aber auch danneine ſchreiende Ungerechtigkeit, wenn es wahr wäre, daſſ der einzelneReiſende die Selbſtkoſten in irgend einem Verhältnis zu der von ihmzurückgelegten Entfernung vermehrte. Unter keinen Umſtänden ver-mehrt er ſie genau im Verhältnis zu der Zahl ſeiner Kilometer.Ein großer Teil derallgemeinen Koſten, namentlich der für dieVerzinſung der Bahnhofsanlagen, iſt ja ganz unabhängig von derZahl der Kilometer, die ein einzelner Reiſender zurücklegt. In demKapitelSelbſtkoſten werden wir noch eine Menge andrer Koſtenkennen lernen, die nicht nur nicht durch die Länge der Einzelreiſe,auch nicht einmal durch die Länge der Zugfahrt vermehrt werden,ſondern die gerade mit der wachſenden Zahl der Kilometer bei gleicherZeitdauer der Fahrt abnehmen!

Es iſt und bleibt eine bare Unmöglichkeit, die Selbſtkoſten fürden Perſonenverkehr zu berechnen; eine Unmöglichkeit, ſie auch nur füreinen einzigen Zug zu berechnen; vollends eine Unmöglichkeit, ſie fürden einzelnen Reiſenden zu berechnen. Das Einzige alſo, wasman tun kann und muſſ, iſt, dieSelbſtkoſten, gleich-viel, wie hoch man ſie anſetzt, tragen zu laſſen durch dieGeſamtzahl aller Reiſenden und dabei nur darauf zuachten, daſſ die niedrige Summe, die dadurch als Selbſt-koſtenanteil auf den Einzelnen fällt, nicht in gewiſſenFällen auch noch zu hoch ſei.

Die Verſcheuchung der Reiſenden durch zu hohe Tarife erhöhteben zugleich die Selbſtkoſten, d. h. ſie verſchlechtert das Ver-hältnis der Betriebsausgaben zu den Einnahmen. Die jetzigen un-ſinnigen Tarife haben es glücklich dahin gebracht, daſſ die deutſchen