Buch 
Der Zonentarif : neubearbeitete Volksausgabe der "Eisenbahnreform" / von Eduard Engel
Entstehung
Seite
105
JPEG-Download
 

105

Berechnung von folgenden Vorausſetzungen ausgegangen: 1) daſſ nachdem Zonentarif wie vor ihm all die koſtſpieligen, überflüſſigen Ein-richtungen der Perſonen⸗ und Gepäckabfertigung, der Abrechnung, derKontrolle, der Bevormundung der Reiſenden u. ſ. w. beibehalten würden,hat alſo keine Erſparniſſe in Rechnung geſtellt; 2) daſſ die Zahl derReiſenden ganz dieſelbe bliebe; 3) daſſ keine Zunahme der Entfer-nungen der Reiſen einträte; 4) daſſ kein Aufrücken der Reiſenden indie oberen Klaſſen ſtattfände. Wer bei der Empfehlung des Zonen-tarifs oder gar bei ſeiner Einführung den ganzen jetzigen ungeheuerkoſtſpieligen Apparat als einen unveränderlichen anſieht, der freilichkann nicht anders als mit einer ſtarken Zunahme des Verkehrs rechnen,wenn er nicht zu einem Einnahmeausfall kommen will.

Freilich, wären alle Eiſenbahnminiſter Europas weitblickende Staats-männer und nicht meiſt bloß höhere Büreauſchreiber, ſo könnten ſieſich ſagen: wenn durch die Verbilligung des Reiſens wirklich einDefizit entſtände, könnte der Staat als wirtſchaftliche Einheit allerBürger dieſes Defizit nicht auf andere Weiſe decken? Wer den Eiſen-bahnverkehr für den wichtigſten Hebel des Wohlſtandes der modernenKulturvölker betrachtet, der dürfte ſehr wol ſagen: wenn dieſes großeKulturförderungsmittel wegen ſeiner großen Billigkeit ſeine Koſteneinſtweilen nicht ſelbſt aufbringt, ſo wollen wir das Defizit ſchlimmſtenFalls durch eine andere Steuer decken. Es gibt heutzutage keinenStaatsbürger, der nicht direkt oder indirekt durch die Eiſenbahnen,auch durch die Perſonenzüge, die größten Vorteile hat, ſelbſt wenn erſelbſt niemals auf der Eiſenbahn fährt. Die Eiſenbahn iſt kein Luxusmehr für die Wenigen, ſondern ein Bedürfnis für die Geſamtheit.

Die Auffaſſung: derStaat würde bei einem Defizit in denEiſenbahneinnahmenverlieren, beruht auf jener kindiſchen Auf-faſſung von Staat und Volk, oder von Regirung und Regirten, wievon zwei mit einander Handel treibenden Kaufleuten, bei denender Gewinn des einen angeblich den Verluſt des anderen bedeute.Übrigens geben auch diejenigen, welche ein Defizit fürchten, zu, daſſder Verkehr durch eine Verbilligung ſteigen würde; ſie leugnen nurdie Möglichkeit der Steigerung in ſolchem Grade, daſſ ſie den Ausfallan Einnahmen aus dem alten Verkehr übertragen würde. Daſſ aberdurch einen vermehrten Eiſenbahnverkehr der Wohlſtand der Nationſteigt, daſſ die Steuerkraft durch einen Aufſchwung von Handel undVerkehr zunimmt, wird von Keinem geleugnet. Die Eiſenbahnver-waltungen ſind längſt auf den richtigen Gedanken gekommen, daſſmit der Steigerung des Perſonenverkehrs auch eine ſolche des lohnendenGüterverkehrs eintrete, und daſſ es ſich ſchon deshalb empfehle, demPerſonenverkehr einige Zugeſtändniſſe zu machen. Es iſt kein Zufall,daſſ in dem wirtſchaftlich höchſtentwickelten Lande, in England, derPerſonenverkehr ungefähr abſolut 3 ½ mal ſo groß iſt als in Deutſch­ land , obgleich die Bevölkerung Englands zu der Deutſchlands ſich