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Vulkane und Erdbeben.
dass in diesem Falle die Erdrinde, um der ungeheueren Kraftder feuerflüssigen Masse widerstehen zu können, eine Mächtig-keit besitzen müsste, die in keinem Verhältnisse zu der der-malen angenommenen Dicke von 8 bis io Meilen stünde. DieSache hat etwas für sich, doch darf nicht übersehen werden,dass auf diese Weise der Sitz der vulcanischen Kräfte vonder Erdoberfläche in beträchtliche, vielleicht sogar wirkungsloseEntfernung abgerückt erschiene, was thatsächlich nicht der Fallist. Tiefe Aushöhlungen und Spalten an der inneren Seite derErdkruste sind wohl möglich, ja wahrscheinlich; man kann sichaber dieselben nicht so grossartig denken, dass sie selbst eineungleich dickere Erdkruste nach allen Richtungen zerklüfteten.Gegen so riesige Zerklüftungen würden selbst die tiefstenOceandepressionen ganz und gar verschwinden.
Um nun die plutonische Theorie dennoch zu retten, habendie englischen Geologen Hopkins und Paulett Scrobe dieAnsicht aufgestellt, dass der Erstarrungsprocess ursprünglichvom Mittelpunkte der feuerflüssigen Masse aus stattgehabt habe,und zwar durch Untersinken der erstarrten schwereren Theile.Vom Mittelpunkt sei die Erstarrung gegen den Umfang fort-geschritten, „bevor aber die letzten Theile fest wurden, ent-stand ein Zustand unvollkommener Flüssigkeit der Masse, derverhinderte, dass die abgekühlten und schwereren Theilchenniedersinken konnten und die Veranlassung zur Bildung eineroberflächlichen Kruste wurde, von der aus nun die Erstarrungauch nach abwärts fortschreitet” . . . Daraus geht hervor, dasswir uns zwischen dem erstarrten Kern des Erdinnern und derErdkruste eine feuerflüssigeMittelschicht zu denken hätten,die der Sitz der vulcanischenThätigkeit wäre.
Aehnlicher Ansicht istSterry Hunt, doch sieht ervon einer feuerflüssigen Zwi-schenschicht ab und setzt anderen Stelle den noch unvoll-kommen erstarrten innerenRand der Erdkruste. Mecha-nische und chemische Ein-flüsse sowie Wasserimprägni-rung, hielten diese Schicht ineinem Zustande der Zersetzung,wozu noch der gewaltige, aufihr lagernde Druck kommt,so dass Druck und Hitze jenenRand im Schmelzfluss erhiel-ten. Daraus folgert nun Hunt,dass Vulcane vorwiegend imBereiche der Continente oderauf sinkendem und gesunkenemMeeresboden Vorkommen, alsoüberall dort, wo eine Senkungmächtiger sedimentärer Ablagerungen stattgehabt hat, odernoch besteht. Darnach wären also die Vulcane der Boden-senkungen wegen entstanden und nicht umgekehrt, dieBodensenkungen aus Anlass des in jenem Bereiche thätigenVulcanismus.
Es ist eine auffallende Erscheinung, dass der Vulcanismusgerade am Küstensaume der Festländer und auf Inseln, mit-unter auf ganze Inselreihen sich bethätigt. Alle sogenanntenReihen- oder Kettenvulcane gehören hierzu. Man kann ihrVorhandensein auf grossartige Störungen im Gefüge der äusserenErdkruste, auf eine Linie der Auflockerung zurückführen,längs welcher ein Durchbrechen des feuerflüssigen Erdinnernmöglich wurde. Die ganze amerikanische Westküste ist vonsolchen Vulcanketten gesäumt. Die chilenische und peruanischeKette erstreckt sich über ungefähr 20 Breitengrade. Hieranschliesst die grosse centralamerikanische Kette von Panamabis zur Sierra Nevada. An der pacifischen Küste von Nord-amerika kann man das Reihensystem bis Alaska verfolgen,und als seine insulare Fortsetzung erweisen sich die 48 thätigenVulcane der Aleuten. Weiter setzt sich der Ring über Kam-tschatka (12 thätige, 26 erloschene Vulcane), den Kurilen-archipel (20 Vulcane, hiervon 10 thätige) und die JapanischenInseln (11 thätige Vulcane) fort.
Es folgt die vulcanische Zone der ostindischen Inseln— Philippinen, Molukken und Neuguinea und des Sunda-Ar-chipels. Die Vulcanreihe der letzteren ist jedenfalls die gross-artigste auf der ganzen Erde. Java allein zählt mehr als 100erloschene oder thätige Vulcane, von denen etwa 46 näherbekannt sind. Die javanische Vulcankette geht nordwestlich
in jene von Sumatra über, findet ihre weitere Fortsetzungüber die Nikobaren und Andamanen und endet im nord-östlichen Theile des Golfes von Bengalen.
Es bedarf keiner weiteren Ausführung, um darzuthun, dass diese Vulcangürtel,sowie auch alle übrigen, über die Erde verstreuten Centralvulcane von grösstemBelange für die Umformung der in ihrem Bereiche liegenden Bodenfläche sind. DieElemente dieser Umgestaltungen sind die Auswurfsstoffe (Asche, Sand, Schlacken,Steine und Lava), ganz besonders die Lava. So wird die Lavamasse, welche derAetna im Jahre 1855 auswarf, auf 900 Millionen Kubikfuss geschätzt. Am 11. Juli 1783ergoss der Skaptar Jökul auf Island einen glühenden Strom, der das Thal desSkaptarflusses, welches zwischen Felsen durchschnittlich 500 Fuss tief ist, bis zumUeberfliessen (!) erfüllte; in der Ebene breitete sich die Fluth zu Feldern von 100 FussDicke und zwei bis drei Meilen Breite aus, bei einer Gesammtfläche von elf Meilen.Der Krater des Kilauea auf Hawaii (Sandwich-Inseln) hat einen Durchmesser von4700 Meter und ist fortwährend mit flüssiger Lava erfüllt, so dass wir also hier einenLavasee von mehr als einer halben Meile Breite vor uns haben. Eine grosse Anzahl vonoceanischen Inseln sind durch vulcanische Ausbrüche entstanden. Gelegentlich derfurchtbaren Katastrophe in der Sundastrasse (25. bis 27. August 1883) begannen16 Vulcane in demselben Augenblicke ihre Thätigkeit, welche im Vereine mit demempörten Meere auf einer Strecke von 65 englischen Meilen alles vernichteten. DieZahl der getödteten Menschen wurde auf 100.000 geschätzt.
Ein wichtiger Auswurfsstoff ist die Asche. Beim Vesuv erreichte die Aschen-garbe mitunter 2000 Meter Höhe. Bei einem Ausbruche des Cosequina in Central-amerika (1835) wurde der Aschenregen bis auf Entfernungen von 200 geographischenMeilen getragen. Gelegentlich der Eruption des Mauna Loa auf Hawaii (1868)erhob sich eine Dampf- und Aschensäule bis zur Höhe von 7000 Meter, meilenweitFinsterniss verbreitend. Hierbei erfolgte gleichzeitig ein merkwürdiger Ausbruch vonSchlamm, der einen etwa 2 3 / 4 Meilen langen und eine Meile breiten Raum bedeckte.Bei dem vulcanischen Ausbruche auf der Insel Santorin im griechischen Archipelstieg die Aschensäule bis zu 3000 Meter empor und die niederfallenden „vulcanischenBomben” steckten einen Kauffahrer in Brand. Solche Beispiele könnten nach Hundertenvorgeführt werden. Indess wird sich in späteren Abschnitten des Werkes Gelegenheit
ergeben, einzelne Katastrophen, sofern sievon örtlicher Bedeutung sind, ausführ-licher mitzutheilen.
Der Vulcanismus manife-stirt sich noch in andererWeise— in Erderschütterungennämlich. Dieselben sind vomInnern der Erde heraus wir-kende mechanische Kräfte, diesich bald stossartig und wellen-förmig, bald rotatorisch zu er-kennen geben. Die räumlicheAusdehnung der Wirksamkeiteines Erdbebens nennt manErschütterungskreis. In derRegel sind die Erdstriche mitintensivemVulcanismus am häu-figsten von Erdbeben heimge-sucht. Obenan stehen die Län-der im Westen Südamerikas,vornehmlich Chile und Peru,welche die grössten denkwür-digen Erdbeben aufzuweisenhaben. In Chile sind folgendeKatastrophen in lebendigerErinnerung geblieben: die von 1570, wo Concepcion zerstörtwurde; die von 1647, wo Santiago unterging, jene von 1657,welche abermals Concepcion traf und wobei über diesen Ortdie See hereinbrach; die Erdbeben von 1688 und 1722, welcheunter Mitwirkung des Meeres eine grosse Zahl von Küstenortenzerstörten. Im Jahre 1751 wurde Concepcion zum drittenmalezerstört; im Jahre 1835 zum viertenmale. Andere Katastrophentrugen sich in den Jahren 1783, 1819, 1822 und 1829 zu.
Ein hervorragender Erdbebenherd ist die peruanischeKüstenebene bei Lima. Fast in allen grossen peruanischen Erd-beben ist die Hauptstadt der Mittelpunkt der Zerstörung ge-wesen. Die allerbedeutendsten (1682 und 1746) haben Lima undCallao, letzteres unter Mitwirkung des Meeres, vollständig ver-nichtet. In neuester Zeit hat die furchtbare Katastrophe vom13. August 1868 auf einem Raume von 40 Breitengraden Aus-dehnung die schrecklichsten Verwüstungen angerichtet.
Heftige vulcanische Vorgänge an den Küsten verursachen häufig auch eineGleichgewichtsstörung im Zustande des Meeres. Die Störung äussert sich in der Regelzuerst in einem kurzen raschen Emporsteigen des Meeres an der Küste, gleichzeitigoder unmittelbar nach dem Stosse. Dieser directen Wirkung des Stosses folgen dannheftige Oscillationen des Meeresspiegels und die Entstehung von mächtigen Fluth-wellen — Erdbeben fl uthen — welche sich mit immenser Geschwindigkeit fort-bewegen. Die grossartigste und bestbeobachtete Erdbebenfluth ist diejenige, welchedurch das vorgenannte verheerende Erdbeben im Jahre 1868 verursacht wurde. NachF. v. Hochstetter bewegte sich diese Fluth in dem Zeitabschnitte vom 13. bis16. August mit einer Geschwindigkeit von 200 bis 400 Seemeilen in der Stundeüber den ganzen Pacifischen Ocean, so dass sie auch an den Küsten von Australienund Japan fühlbar war. — Landüberschwemmungen durch Erdbebenfluthen fielenvor: während des Erdbebens von Lissabon (1. November 1755), wobei die Wogen20 Meter Höhe erreichten. Während des Erdbebens von Callao (28. October 1746)stieg das Wasser 26 Meter über den Küstenrand empor. Im Jahre 1868 (Arica)
Lavasee im Krater Kilauea (Sandwich-Inseln).
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