Ebbe und Fluth.
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statt. Hat sich das Meer in Folge dieser regelmässigen Schwin-gung bis zu seinem tiefsten Niveaupunkte zurückgezogen; umnun den Schritt nach einigen Minuten der Ruhe — „todte See”sagt der Seemann — wieder umzulenken ; so hebt die Fluthan. Sie dauert so lange, als das "Wasser immer höher und höhersteigt; bis es den höchsten Stand erreicht hat; und dann ; einekurze Zeit die Höhe behauptend; wieder zurücktritt. In diesemAugenblicke beginnt die Ebbe. Die Zeit; welche zwischen demtiefsten und höchsten Wasserstande verfliesst, ist nicht constant;sie beträgt durchschnittlich 6 Stunden 15 Minuten. Ebbe undFluth erfordern demnach durchschnittlich 12V2 Stunden. Sokommt es; dass der Moment des höchsten und tiefsten Wasser-standes täglich eine Stunde vorrückt. Die Beschleunigung oderVerzögerung schliesst sich dem scheinbaren Tageslaufe desMondes um die Erde an ; so dass während zwei Durchgängendes Mondes durch den Meridian eines Ortes zweimal Hoch-und zweimal Tiefwasser eintritt. — Die Fluth; welche die Sonneund den Mond im Meridian hat; heisst Zenithfluth ; die ingleicher Zeit eintretende antipodarische Fluth Nadirfluth. Umdie Zeit des Neu- und Vollmondes steigt die Fluth höher an ;als zur Zeit der beiden Mondviertel. Man bezeichnet die erstereals Springfluth; die letztere als Nippfluth. Die höchstenSpringfluthen zeigen sich zur Zeit der Aequinoctien ; dann bei
Mond- und Sonnenfinsternissen. Ebenso steigt die Fluth höher;wenn der Mond in der Erdnähe (Perigäum) sich befindet; alswenn er in der Ferne (Apogäum) steht.
Aus diesen Thatsacben gebt hervor, dass die Ursache der gesetzmässigengrossen „Athemzüge” des Weltmeeres, wie sie in Ebbe und Fluth zum Ausdruckekommen, in dem kosmischen Gesetze der Gravitation zu suchen ist. In dieserBeziehung hat neuester Zeit ganz besonders lichtvoll der geniale Astronom RudolfFalb das merkwürdige Zusammentreffen gewisser Factoren beleuchtet. Auf Grundseiner Beobachtungen stellt er „sieben Fluthfactoren” auf, und zwar beziehen sichdieselben auf die höchsten Fluthen, die Untersuchungen aber auf alle jene Factoren,welche zur Erhöhung der Fluthberge beitragen. Falb’s Ansichten stützen sich auffolgende Thatsachen. Die Erde beschreibt, wie man weiss, keine mathematischgenaue Kreislinie um die Sonne’, sondern eine Ellipse, in deren einem Brennpunktedie Sonne steht. Die Folge ist, dass die Erde im Verlaufe eines Jahres nicht immergleich weit von der Sonne entfernt ist, die Anziehungskraft der Sonne also gewisseFluctuationen durchmacht, die bestimmend für die grössere oder kleinere Anschwel-lung des Meeres sind. Aehnlich verhält es sich mit dem Monde.
Es gebricht uns hier an Raum, auf jede Untersuchung der „sieben Fluth-factoren” ins Detail einzugehen. Die Anziehung der Sonne und des Mondes, jede fürsich betrachtet, bilden den ersten und zweiten Fluthfactor. Der dritte Factorist, dass der Neumond etwas grössere Fluthen erzeugt als der Vollmond. Dervierte Factor beruht auf der Schwungkraft der Erde. Steht nun die Sonne imAequator (zur Zeit der Aequinoctien), so erhebt sich das Gewässer durch die An-ziehung der Sonne in einer Richtung, welche dieselbe ist, in welche durch die Rota-tion der Erde die Gewässer weggeschleudert werden. Es muss daher die Erhebungdes Meeres umso leichter von statten gehen, also bedeutender werden. Dazu kommt,dass der Rotationsschwung am Aequator am grössten ist, was gleichfalls zur Er-höhung der Fluth beiträgt. — Der fünfte Fluthfactor ergiebt sich aus der Stellung
des Mondes zur Erde’ unter den gleichen Voraussetzungen, wie sie vorstehend fürdie Sonne angenommen wurden. — Der sechste Factor wird durch die jährlicheBewegung der Erde um die Sonne bedingt, wobei die Schwungkraft wirksam auf-tritt. — Es kommt noch der siebente Factor, wenn der Mond sich genau in derSonnenbahn befindet. In diesem Falle liegen die beiden Fluthberge des Mondes mitdenen der Sonne in einer und derselben Ebene.
Alle diese Factoren bedingen also einen Wechsel in der Stärke der Hoch-fluthen, je nach der einen oder anderen Combination derselben. Desgleichen sindSonnen- und Mondesfinsternisse von unmittelbarem Einflüsse auf die Fluthhöhe. Allediese Factoren treffen aber in äusserst seltenen, nach Jahrtausenden zählendenEpochen zusammen, andere wieder schliessen sich gegenseitig aus. Gegenwärtig könnenhöchstens fünf, eine aussergewöhnliche Fluthanschwellung bedingende Factoren Zu-sammentreffen.
Auf die Entwickelung der Gezeiten — wie man die Er-scheinungen von Ebbe und Fluth nennt — sind die Gestaltungender Oceanbecken in Bezug auf ihre festländische Begrenzungvon grosser Bedeutung. Nicht nur die Richtung; auch die Ge-schwindigkeit des Zu- und Abströmens erleidet durch die Lageund Krümmungen der Küsten eine merkliche Aenderung. DieseThatsache hat Sir William Whewell aus zahllosen Datenin ein System gebracht und graphisch dargestellt. Es wurdenauf eine Karte diejenigen Punkte des Meeres (beziehungsweiseder Küsten); welche zu gleicher Zeit Fluthwasser haben; durchLinien verbunden; welche Whewell Isorachien nannte. Indesshaben die neuesten Untersuchungen dargethan ; dass die Whe-
well’schen V oraus-setzungen nicht zu-treffen. Namentlichgegen die Störungen,welche nachWhewelldurch Küstenbildun-gen verursacht wer-den sollen, wurdeheftig angekämpft.Der wahre Grund derStörungen liegt aberdarin, „dass alle Wel-len des Meeres, alsoauch die Gezeiten,von entgegengesetz-ten Küsten reflectirtwerden. Alle durchMond und Sonne er-regten F'luthwellensind demnach jeder-zeit zusammengesetztaus Seespiegelbewe-gungen dreier Tage,aus dem sogenannten„primären”, heute er-zeugten W ellenbergeund W ellenthale, demgestrigen und vorge-strigen, von irgendwoher zurückkehrendenreflectirten. HöchsteFluthen werden so-nach noch zwei Tagelang nachfolgendeminder hohe durch ihre Reflexionswellen vergrössern und dieMaximalhöhe um so weit nach rückwärts verschieben; niedrigstewerden ebenso bis auf den dritten Tag hinterher den nach-folgenden höheren Wellen nur kleinste Zusätze liefern und dem-gemäss die Minimalhöhe verspäten”.
Wir haben noch jener aussergewöhnlich hohen Sturm fluthen zu gedenken,die an manchen Küsten auftreten. In der Bucht bei St. Malo an der Nordküste vonFrankreich erhebt sich die Fluthwelle bis zu 15 Meter, in der Fundybai (Ostküstevon Nordamerika) vollends bis zu 22 Meter! Sehr gewaltig äussert sich die Fluth-bewegung auch an der schottischen Westküste, auf die der nordöstliche Strang dergrossen atlantischen Fluthwelle stösst, während die skandinavische südwestliche hin-zutritt. Wenn diese letztere Fluthwelle in die Nordsee eintritt, ist ihr das Abfluthendurch den Aermelcanal in Folge des Einströmens der atlantischen Fluth verwehrt.Beide treffen in der Nordsee aufeinander, wodurch hier, besonders in dem Winkeldessen Küste Deutschland angehört, zu Zeiten die verderblichsten Fluthen auftreten.Bei den eigentlichen Sturmfluthen tritt immer die Wirkung des Windes hinzu. Estreten dann verheerende Katastrophen an den niederen Küsten ein. Wir erwähnenhier einige jener gewaltigen Zerstörungen, welche unmittelbar durch die Gewalt vonSturmfluthen hervorgerufen wurden. Durch den Einbruch einer riesigen Fluthwellein Nordholland im Jahre 1242 fanden mehr als 100.000 Menschen ihren Tod unddie Sturmfluth von 1287 begrub in Friesland allein mehr als 80.000 Opfer unterden Wellen.
Gelegentlich einer Sturmfluth im Jahre 1793 stieg das Meer 6 Meter über diegrösste bis dahin bekannte Fluthhöhe. Am 2. und 3. Februar 1825 traf der Voll-mond mit der Erdnähe des Mondes zusammen; überdies war der letztere dem Durch-gänge durch den Aequator nahe. Diese vereinigten Umstände („Fluthfactoren” nachFalb) hätten schon für sich ausgereicht, die Springfluth zu ihrer höchsten Höhe auf-zuthiirmen. Da fiel zum Ueberflusse auch noch ein heftiger Gewittersturm ein, und
Brandung.
MM
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